26. September 2019, 22:17 Uhr

In der vorläufigen Hölle

26. September 2019, 22:17 Uhr
Luiz Ruffato

Als der rechtsextreme Möchtegerndiktator Jair Bolsonaro zum neuen Präsidenten Brasiliens gewählt worden war, war der Aufschrei groß. »Wie kann so ein Mann in Brasilien gewählt werden?«, fragten sich viele. Doch wer die Romane von Luiz Ruffato liest, bekommt eine Vorstellung vom politischen und gesellschaftlichen Klima in dem südamerikanischen Land. In seinem fünfbändigen Zyklus »Vorläufige Hölle« beschreibt er die Situation der unteren Mittelschicht Brasiliens, in dem mehr als 80 Prozent der Menschen in Städten vergeblich auf eine bessere Zukunft hoffen und mehr als 60 Prozent der jungen Brasilianer ernsthaft über eine Auswanderung nachdenken, um der wirtschaftlichen Misere zu entkommen. Band vier ist unter dem Titel »Das Buch der Unmöglichkeiten« soeben in der deutschen Übersetzung erschienen. Mit dem aus Gießen stammenden Übersetzer Michael Kegler war der Autor nun zum dritten Mal im Literarischen Zentrum zu Gast und stellte sich in einer deutsch-portugiesischen Lesung den Fragen der Zuhörer und von JLU-Romanistin Verena Dolle.

Ruffato, selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammend, beschreibt die Welt der Menschen der unteren Mittelschicht Brasiliens, die vom Land in die Städte strömt und kaum Chancen auf einen Aufstieg hat. Dabei ist sein Stil und Ton besonders. Im »Buch der Unmöglichkeiten« erzählt er die Lebensgeschichte zweier am gleichen Tag geborenen Männer parallel, im Buch in nebeneinander gesetzten Spalten abgedruckt. Der Leser muss sich entscheiden, welchem Strang er als erstes folgen will.

Im KiZ versuchten dies Kegler und Dolle mit einer Simultan-Lesung zu veranschaulichen, was allerdings mehr für Verwirrung denn für Verständnis sorgte. Erst im Gespräch mit Ruffato wurde deutlich, warum der Autor auf diese Weise schreibt und wie innovativ sein Erzählen ist. Er schreibe nicht über die Favelas, die Kriminalität oder bittere Armut, sondern wolle jenen Menschen eine Stimme geben, die die Fragen nach Wohnen und Essen für sich geklärt haben, und sich nun um andere Dinge kümmern könnten, aber in Brasilien dazu keine Chance hätten, erläuterte Ruffato. 20 Jahre habe es gedauert, bis er dafür die für ihn passende Erzählform entwickelt habe. Entstanden sind insgesamt fünf Bände unter dem Titel »Vorläufige Hölle«, die fünf Jahrzehnte abdecken und im Dezember 2002 enden - aber dennoch treffend die aktuelle Lage Brasiliens beschreiben. Die deutsche Übersetzung des fünften Bandes ist nach Auskunft von Übersetzer Manfred Kegler bereits »auf der Festplatte«.

Mit »fingierter Mündlichkeit«, so Dolle, gibt Ruffato den armen Menschen eine würdevolle Sprache in der irrsinnigen Welt der Megacity Sao Paulo aus Beton und ärmlichen Hütten, voller Gewalt, enttäuschter Hoffnungen, Lügen und Ausweglosigkeit. »Brasilien ist wie ein Auto im Schlamm. Man gibt Gas, aber gräbt sich immer tiefer ein«, brachte Ruffato, der in seinem Heimatland der erfolgreichste Autor ist, die Stimmungslage in Brasilien auf den Punkt. Er habe zeigen wollen, welche Folgen die brutalen Umwälzungen des Landes mit seiner Binnenmigration vom Land in die Stadt für den Einzelnen habe. Die Wahl von Bolsonaro sei der Beweis dafür, »wie schwierig es mit dem Aufstieg geworden ist«. Dazu wird Ruffato auch am 19. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse als Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zum Thema »Populismus versus Demokratie« sprechen. (Foto: A. Vichi)

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