05. Juli 2009, 21:48 Uhr

In der lauten Luft den Mond angeheult

Sommer, Sonne, Hardrock-Zeit: Die Gruppe Foreigner begeistert vor 5000 Fans beim Open-Air-Konzert im Schiffenberger Tal.
05. Juli 2009, 21:48 Uhr
»He heard one guitar...«: Foreigner-Altmeister Mick Jones (l.) ist von seinem Sänger Kelly Hansen zu Recht angetan. (Fotos: Petereit)

Machen wir uns nichts vor: Als Foreigner Ende der 70er in den USA erste Erfolge verbuchte, war Deutschland für die britisch-amerikanische Band karrieretechnisch »Cold as ice«. In Musikerkreisen als Mainstream-Rock ohne eigene Prägung verpönt, währte es trotz solider Hardrocknummern bis zum vierten Album mit dem schlichten Titel »4«, ehe die »Ausländer« (Foreigner) mit geradlinigen, aber unverwechselbaren Hits wie »Urgent« auch bei uns eine Heimat fanden - nennen wir es ein anfängliches Integrationsproblem. Plötzlich war ihr Mainstream top, konnte jeder Teenager die Strophenzeile »He heard one guitar...« mitsingen, ehe Leadgitarrist Mick Jones mit einer krachenden Quint dem »Juke box hero« Dampf unterm Plattenteller machte.

Das 64-jährige Gründungsmitglied Jones ist heute der Einzige aus der Urbesetzung, der noch mitmischt. Er dient als Vaterfigur für den Rest der Band. Doch keine Sorge: Die »neuen« Foreigner um den charismatischen Frontman Kelly Hansen sind erfahren genug, um es richtig abgehen zu lassen. Das taten die fünf Jungs am Freitagabend bei wunderbarem Sommerwetter auf dem mit 5000 Fans ausverkauften Open-Air-Kinogelände im Schiffenberger Tal. Anfängliche Unwetterprognosen wurden im Laufe des Tages zerstreut. Eine alte Bäuerin wusste es ohnehin: »Das Wetter hält«, sagte sie Stunden vor Konzertbeginn. Sie sollte Recht behalten.

Mit Titeln aus den 70ern startete Foreigner um 21 Uhr den Gig im Rahmen ihrer »No end in sight«-Tour. Der Sound kam satt und laut, aber nicht zu laut - vielleicht etwas breit; Gruppen wie Bon Jovi können das einen Tick besser.

Papa Jones war in seinem Element. Er ließ die edle Gibson singen, pfeifen und quietschen, als hätte er nur auf diesen einen Abend in Gießen gewartet. Um nicht missverstanden zu werden: Jones war nie der pfeilschnelle Fingerakrobat, er riss am Freitag gediegene, harmonische Soli alter Schule aus dem Griffbrett seiner Les Paul. Das tat er mit Vehemenz und Spielfreude. Selten, sehr selten, erlebt man einen Hardrock-Veteran derart gut gelaunt auf der Bühne. 15 unverwüstliche und wie neu klingende Songs (inklusive Zugaben) ließen die Fans in fast verloren gegangenen Erinnerungen schwelgen. Die Begeisterung war enorm, bei Einbruch der Dunkelheit wurden zu den Balladen »Waiting for a girl like you« und »I want to know what love is« Wunderkerzen entzündet - manch einer heulte dabei den Mond am sternenklaren Himmel an.

Nein, es ist nicht Steven Tyler oben auf der schlicht dekorierten Bühne, es ist Kelly Hansen. Auf den ersten Blick sieht der Foreigner-Frontman aus wie Aerosmith-Sirene Tyler - und er bewegt sich auch so.

Stimmlich war Hansen am Freitag eine Bank. Selbst die höchsten, per Falsett erreichten Töne saßen. Hansen klingt nicht nur so wie Lou Gramm aus der Gründerzeit von Foreigner, er topt ihn sogar - vor allem live. Wenn Gramm früher bei mörderisch hohen Passagen am Ende einer Zeile die Wendung nach unten »absingen« musste, meistert Hansen das ganze Programm in den Originallines. Sogar das in »Juke box hero« als Mittelteil eingebaute »Whole lotta love« von Led Zeppelin kriegt er hin.

Dass Hansen nebenbei einen zehn Meter hohen Lichtmast erklimmt, ständig in Bewegung ist, Faxen macht und mit seinem Sex-Appeal die Herzen der zahlreichen Damen im Publikum erobert, spricht für sich.

Als Multitalent entpuppte sich Rhythmus- gitarrist Tom Gimbel. Er spielte auf der Akustikgitarre ebenso wie auf der Querflöte und hatte bei »Urgent« seinen großen Auftritt, als er das berühmte Tenorsaxofonsolo, das auf Platte einst der mittlerweile verstorbene Jazzer Jr. Walker beisteuerte, meisterhaft intonierte. Und wenn Gimbel auf der E-Gitarre passgenau die Zweitstimme über die Melodien von Jones legte, bereitete er so überaus leckere Sound-Sandwiches.

Ex-Dokken-Bassist (Hardrocker erinnern sich: »Lightning strikes again«) Jeff Pilson machte reichlich Druck von unten, während das Synthesizersolo von Keyboarder Michael Bluestein auf den Roland-Aggregaten und die Schlagzeug- orgie des neuen Drummers Brian Tichy (Jason Bonham ist bei Led Zeppelin in die Fußstapfen seines verstorbenen Vaters John getreten) verzichtbar gewesen wären.

Unverzichtbar indes war der Auftritt der Vorgruppe: Die heimische Tom Pfeiffer Band, sichtlich beeindruckt von dem Erlebnis, vor 5000 Menschen rocken zu dürfen, wartete mit ge- coverten Hits auf. Queen-Songs wie »We will rock you« gingen unter die Haut. Schöner kann ein Sommerabend draußen in der lauten Luft kaum sein. Manfred Merz

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bon Jovi
  • Fans
  • Jason Bonham
  • Led Zeppelin
  • Lou Gramm
  • Mond (Erdmond)
  • Open-Air-Konzerte
  • Steven Tyler
  • Zeppeline
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos