15. Februar 2018, 20:53 Uhr

In allen Sparten zu Hause

»Provinz findet im Kopf statt«, ist sich Patrick Schimanski sicher. Als Musiker, Komponist und Regisseur ist er immer wieder am Stadttheater zu erleben. Nun bringt der Spezialist für »Diskursmonster« das Musical »Das Orangenmädchen« auf die taT-Studiobühne.
15. Februar 2018, 20:53 Uhr
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Von Dagmar Klein
Patrick Schimanski trägt meistens Schiebermütze. Das Foto zeigt ihn mit Anne Elise Minetti, die aktuell mit ihm das Musical »Das Orangenmädchen« probt. (Foto: Schepp)

Patrick Schimanski ist ein gern gesehener Gast am Stadttheater – und das gleich in mehreren Sparten. Er arbeitet als Regisseur, Schauspieler, Komponist und Musiker, ebenso für Rundfunk und Film. Unvergessen ist sein Gießen-Debüt »Shakespeare is dead. Get over it«. Es folgte die Doppelpremiere »Ödipus auf Kolonnos / Antigone«. Als Musiker und Komponist gehört er zum Münchener Musikkollektiv 48nord, dessen Sound auch gefragt ist für zeitgenössischen Tanz. In Gießen hat das Trio zunächst für »Titus Andronicus« und kürzlich für »Cross!« Auftragswerke komponiert.

Im Gespräch erzählt Schimanski von seinem frühen Gang auf die Bühne. Offenbar hat seine Geburtsstadt Worms Jugendlichen optimale Bedingungen geboten. Die Stadt hatte eine alte Schule für Probenräume zur Verfügung gestellt. »Das ist zu einem echten Treffpunkt geworden. Es gab verschiedene Bands, zu denen auch US-Soldaten gehörten.« Er selbst lernte Schlagzeug, spielte vorwiegend Rock-Pop-Musik, später auch Jazz und Neue Musik.

Eigentlich hätte der Sohn einer Theatergründerin auch Schauspieler werden können. Den Weg an die Schauspielschule scheute er zwar nach dem Abitur, doch übernimmt er immer mal wieder Rollen. Wie es sich eben so ergibt. Erst kürzlich spielte er den Staatsanwalt in einem Kunst-Filmprojekt.

Er sei ein »hoch interessierter Parkstudent« gewesen, erinnert sich Schimanski. Das Studium an der Universität Mainz, mit den Fächern Musikwissenschaft, Philosophie und Publizistik war ihm zu konservativ. Aber er nutzte die Bibliothek intensiv, las philosophische Werke und Biografien. Parallel arbeitete er am Theater Heidelberg, erhielt dort erste Aufträge für Schauspielmusik. Er lernte bei älteren Kollegen, die zu den ersten gehörten, die Computer im Theater nutzten. »Wir waren echte Atari-Nerds und das war in dieser Zeit ein großer Vorteil.« Sie gründeten ein Aufnahmestudio, wo er den Umgang mit Musikcomputern von der Pike auf lernte. Er wechselte ans Theater Wuppertal, wo er das erste Mal mit Tanztheater von Pina Bausch in Berührung kam. »Die Doppelvorstellung Sacré de Printemps / Café Müller hat mich völlig geflasht. So etwas Intensives hatte ich bis dahin nicht erlebt.«

Nach der Wiedervereinigung landete er als musikalischer Spielleiter am Theater Halle. »Die Aufbruchstimmung unter den Künstlern war riesig. Leider habe ich damals schon erste Erfahrung mit intellektuellen Neo-Nazis gemacht.« Und auch in der freien Szene führte er Regie. Als am Nationaltheater Mannheim ein Regisseur kurzfristig erkrankte, sprang Schimanski, bis dahin zuständig für den Sound und das Einstudieren der Sprechchöre, ein. Mit Erfolg, denn das Stück erhielt eine Einladung zu den Mülheimer Theatertagen. Es war eines jener modernen Stücke mit Fließtext (»Steinbruch« von Werner Fritsch), »Diskursmonster« nennt er sie, die ohne Interpunktion geschrieben sind. Solche Theaterstücke werden ihm seitdem wiederholt angetragen, auch das in Gießen inszenierte Shakespeare-Stück zählt dazu. Aber er hat auch bei Theaterklassikern, Opern und Komödien Regie geführt, und zwar gern. Er freut sich schon auf »Charleys Tante«, das demnächst ansteht.

Die Zahl der Theater, an denen er bislang tätig war, hat er nicht gezählt. Mittlerweile denkt er eher andersherum, nämlich wo er noch nicht war. Er kennt große und kleine Häuser, historische Gebäude und moderne mit unterschiedlichen Arbeitsbedingungen. Und er ist überzeugt: »Provinz findet im Kopf statt. Es gibt großartige Schauspieler und Inszenierungen an kleinen Häusern, die großen Häuser kochen auch nur mit Wasser«, stellt er fest.

Seit 20 Jahren lebt Schimanski in München, mit Frau und zwei Söhnen. Bei 48nord war er zunächst als Gast beteiligt. Da die Zusammenarbeit gut funktionierte, stieg er 2013 als drittes Mitglied ein. Sie produzieren Klangkunst für den Rundfunk und haben für Arte zum Jubiläum »100 Jahre UFA« den Stummfilm »Wege zu Kraft und Schönheit« von 1925 neu vertont. Sie konzertier(t)en auf berühmten Festivals, gern auch in der Münchener Szene.



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