Stadt Gießen

In Transfusionsmedizin ist HIV »bereits besiegt«

Gießen (pm). Der Gießener Virologe Prof. Wolfram H. Gerlich ist beim 42. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie in Rostock für seine »besonderen wissenschaftlichen Verdienste um die Transfusionsmedizin und Immunhämatologie« mit der Emil-von-Behring-Vorlesung ausgezeichnet worden.
05. Oktober 2009, 20:26 Uhr
Prof. Wolfram Gerlich lehrt und forscht an der Liebig-Universität.
Prof. Wolfram Gerlich lehrt und forscht an der Liebig-Universität.

Gießen (pm). Der Gießener Virologe Prof. Wolfram H. Gerlich ist beim 42. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Transfusionsmedizin und Immunhämatologie in Rostock für seine »besonderen wissenschaftlichen Verdienste um die Transfusionsmedizin und Immunhämatologie« mit der Emil-von-Behring-Vorlesung ausgezeichnet worden. Sie ist mit 10 000 Euro dotiert. Gerlich hat sich seit Beginn seiner Berufstätigkeit vor 40 Jahren mit dem Hepatitis B-Virus, einem wichtigen Erreger von Leberentzündungen und Leberkrebs, beschäftigt und es dabei verstanden, Grundlagenforschung und klinische Anwendung zu verknüpfen. Sein Spezialgebiet ist die Virussicherheit biologischer Produkte, wie Blutspenden.

Für seine Ehrenvorlesung wählte Gerlich das Thema »Hepatitisviren in der Transfusionsmedizin - besiegt?« Dabei führte er aus, dass vor 40 Jahren die ungewollte Übertragung von Hepatitisviren durch das Spenderblut eines der größten Probleme der Transfusionsmedizin gewesen sei. In den USA erkrankten damals bis zu 30 Prozent der Blutempfänger an einer Hepatitis. In der Folgezeit wurden schrittweise die Hepatitis-Virustypen A bis E entdeckt, was die Entwicklung hochempfindlicher Nachweismethoden und die Erkennung von Virusträgern unter den Spendewilligen ermöglichte. Dadurch wurde das Risiko einer infektiösen Spende, die unerkannt Hepatitis C-Viren enthält, in Deutschland schrittweise von ungefähr 1:100 auf unmessbar kleine Werte von rechnerisch 1: 10 Millionen gesenkt. Auch HIV sei heute in der Transfusionsmedizin mit einem errechneten Restrisiko von 1: 4 Millionen besiegt, sagte Gerlich.

Bei Hepatitis B konnte das Restrisiko ebenfalls sehr stark vermindert werden, wegen der besonderen Vermehrungsweise dieses Virus liege es mit 1:300 000 aber deutlich höher. Auch die seit 1984 in vielen Ländern eingeführte, an sich sehr erfolgreiche Hepatitis B-Impfung vermöge dieses spezielle Risiko nicht zu senken. Im Gegenteil konnte Gerlich kürzlich in Zusammenarbeit mit dem Amerikanischen Roten Kreuz zeigen, dass die Impfung zwar vor einer Hepatitis B-Erkrankung schützt, aber oftmals die Infektion nicht ganz unterdrücken kann. Die dann ablaufende »okkulte Infektion ist durch die verfügbaren Tests für Blutspender schwerer erkennbar als die normale Infektion und kann so zur Übertragung auf den Empfänger führen. Gerlich fordert seit längerem, den Hepatitis B-Impfstoff zu verbessern, und anhand seiner Forschungsergebnisse zeigte er auch schon konkrete Ansätze hierfür auf.

Das Institut für Medizinische Virologie der Justus-Liebig-Universität, das Gerlich seit 1991 leitet, ist Nationales Konsiliarlabor für Hepatitis B und D. Es wird weltweit für schwierige Untersuchungen zu diesen beiden Infektionskrankheiten zu Rate gezogen. Von1997 bis 2008 leitete Gerlich auch den Gießener Sonderforschungsbereich »Invasionsmechanismen und Replikationsstrategien von Krankheitserregern.« (Foto: pv)

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-In-Transfusionsmedizin-ist-HIV-bereits-besiegt;art71,37031

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