08. Juli 2018, 18:41 Uhr

Nachttanzdemo

In Gießen wummern die Bässe für den Weltfrieden

Etwa 1500 Menschen haben am Samstagabend der elften Gießener »Nachttanzdemo« beigewohnt und sind mit wummernden Bässen durch die Innenstadt gezogen.
08. Juli 2018, 18:41 Uhr
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Von Christian Schneebeck
Demo-Plakate sind eher selten.

Am Ende ist es wirklich nur noch eine große Party. Etwa 1500 Menschen bevölkern am Samstagabend um kurz nach 23 Uhr zur Schlusskundgebung der elften Gießener »Nachttanzdemo« den Berliner Platz. Viele von ihnen sind vorher drei Stunden lang mit wummernden Bässen durch die Innenstadt gezogen, einige aber auch gerade erst dazu gestoßen. Wofür oder wogegen sie demonstrieren, scheinen die meisten gar nicht zu wissen. Und so wirkt eines der wenigen Plakate, die zu sehen sind, hier gleichermaßen verloren wie symptomatisch: »Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Frieden ist der Weg«.

Zwar steht die Demo diesmal unter dem recht konkreten Motto »Gegen Abschiebezentren!«, im Prinzip demonstrieren ihre Teilnehmer aber – ganz allgemein – »für Menschenrechte«, wie alle Redner immer wieder betonen. Den Anfang macht an der Ringallee ein Vertreter des Gießener Bündnisses für Afrin. Er kritisiert unter anderem die deutsche Politik für ihre »schmutzigen Panzerdeals« mit der Türkei. So habe auch die Bundesregierung einen Anteil am Krieg in Syrien: »Deutschland ist in diesem Konflikt nicht unbeteiligt!«

Anschließend setzt sich der Tross in Bewegung. Mit vier Wagen und Slogans wie »Massengrab Mittelmeer« und »Fähren statt Frontex« ravt er über Ostanlage und Nordanlage in Richtung Elefantenklo. Manche spielen unterwegs demonstrativ Federball, andere kühlen ihre Mitstreiter mit Wasserbomben. Als mehrfach Feuerwehr- und Rettungswagen gegen die Laufrichtung durch die Menge müssen, ist die Fahrbahn innerhalb weniger Sekunden frei.

Am Selterstor angekommen, macht der Zug einen Stopp: Willkommen in der Elefantendisko! Auf zwei Etagen – Dusche inklusive – feiern die Demonstranten so richtig ab. Bis eine Aktivistin der Antifaschistischen Revolutionären Aktion Gießen die Party crasht. Sie wettert gegen die Ende Mai erlassene Novelle des bayerischen Polizeiaufgabengesetzes, sieht Deutschland gar schon »auf dem Weg in einen Polizeistaat«. Als Grund nennt sie, dass »die Repräsentanten um die Krisenhaftigkeit ihres Ausbeutersystems« wüssten.

Danach brandmarkt Florian Schulte von der Organisation »Seebrücke« die EU-Flüchtlingspolitik. Seenotrettung sorge nicht für mehr Flüchtlinge, sondern sie helfe, die Konsequenzen der europäischen »Abschottungspolitik« ein wenig zu lindern, erklärt er und fordert: »Wir wollen, dass die Politik die große Mehrheit anhört, die Humanität und Freundlichkeit will statt Hass und Rassismus!« Die Zuhörer applaudieren lautstark – und zum ersten Mal gewinnt die Politik für einen Moment die Oberhand über die Party.

Weiter geht es in Richtung Berliner Platz. Dort erhält die Demo noch einmal beträchtlichen Zuwachs. Die Abschlussfeier der Humanmediziner in der Kongresshalle ist gerade beendet und Kroatien soeben in das Halbfinale der Fußball-WM eingezogen. Beleuchtet von den Blaulichtern der Polizeiwagen feiern Raver, Demonstranten, Anzugträger und Fans nun gemeinsam. Bevor sie zu den »After Demo Partys« aufbrechen, ergreift Organisator Alexander Vasil noch einmal das Wort. Er betont, »dass das hier nicht einfach nur Spaß ist«. Angesichts der politischen Großwetterlage laute die Frage der Zeit doch: »Wollt ihr Fackelmärsche oder wollt ihr Nachttanzdemos?«



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