Stadt Gießen

In Gießen: Studenten arbeiten als Hilfs-Friseure

Seit Jahren klagen Frisöre über Fachkräftemangel. Auch Uwe Bingel vom Stadtfrisör Reinold in Gießen ist davon betroffen. Er geht daher neue Wege.
25. Oktober 2019, 14:00 Uhr
Christoph Hoffmann
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Uwe Bingel und Yasmin Demir leiten den Stadtfrisör Reinold. (Foto: pm)

Seit fast 60 Jahren erhalten die Gießener beim Stadtfrisör Reinold einen neuen Haarschnitt. Jetzt werden auch im übertragenen Sinne alte Zöpfe abgeschnitten. Inhaber Uwe Bingel und seine Geschäftspartnerin Yasmin Demir wollen künftig Hilfskräfte einstellen. Nicht zum Haare schneiden. Sondern für das Waschen, Föhnen und andere »Zuarbeiten«, wie es Bingel formuliert. »Wir leiden unter dem Fachkräftemangel. Es ist extrem schwer, geeignetes Personal zu finden«, sagt der Friseurmeister. Ein Problem, das viele in der Branche kennen.

Es klingt paradox: Der Beruf des Friseurs landet seit Jahren in den Top 10 der beliebtesten Ausbildungsstellen, gleichzeitig klagt das Friseurhandwerk über fehlenden Nachwuchs. Laut Johannes Paul, Pressesprecher der Agentur für Arbeit, sind im Landkreis Gießen derzeit 51 Ausbildungsstellen nicht besetzt. »Und das sind nur die offiziell gemeldeten.« Eine Erklärung für dieses Ungleichgewicht seien sogenannte Missmatches. Nicht jeder angehende Azubi passe in einen hippen Laden, ein konservativer Friseurmeister hingegen würde einen tätowierten oder gepiercten Kandidaten ablehnen.

Paul liefert aber noch einen andere Erklärung. »Viele Jugendliche streben einen höheren Schulabschluss an und wollen studieren.« Eine Studie der Bertelsmannstiftung bestätigt dieses Trend. Demnach könnten 2030 nur noch 400 000 junge Menschen in Deutschland eine Ausbildung beginnen. Das wäre ein Rückgang um 17 Prozent. Somit stehen die besseren Schulabgänger dem Handwerk nicht mehr zur Verfügung. Und für die schlechteren sind viele Handwerksberufe, zum Beispiel der Friseur, zu komplex.

Hinzu kommt laut Paul, dass die Arbeitszeiten in der Friseurbranche nicht sonderlich attraktiv seien. »Und die Bezahlung liegt im unteren Drittel der Verdienstskala«, sagt der Pressesprecher und fügt an, dass die Grundvergütung laut Tarif zwischen 1719 und 2226 Euro brutto liege. Zum Vergleich: Ein Maler erhält im Durchschnitt knapp 1000 Euro mehr.

Allerdings müsse man hier differenzieren, betont Friseurmeister Bingel. »Wir haben das Gehalt in den letzten Jahren um 25 Prozent erhöht.« Abgesehen davon erhielten Friseure ein nicht zu verachtenes Trinkgeld. Und das steuerfrei.

102 Salons in Gießen

Wer mit offenen Augen durch die Gießener Innenstadt geht, wird aber noch einen anderen Grund für die fehlenden Fachkräfte ausmachen: die große Anzahl an Mitbewerbern. An gefühlt jeder zweiten Ecke kann man sich die Haare schneiden lassen, insgesamt sind im Stadtgebiet 102 Friseursalons gemeldet. Da verwundert es nicht, dass die Branche den stärksten Handwerkszweig in Hessen bildet. Statistisch gesehen ist hier jeder zehnte Handwerksbetrieb ein Friseur. »Jeder Friseur, der Kamm und Schere halten kann, macht einen eigenen Laden auf«, klagt auch Bingel. Das liege daran, dass man heute direkt nach der Meisterprüfung selbstständig werden könne. »Früher musste man drei Jahre Berufserfahrung vorweisen.«

Um neues und geeignetes Personal zu bekommen, hat der Gießener kürzlich an einem Workshop zur Mitarbeitergewinnung teilgenommen. »Als Folge haben wir zum Beispiel ein Fotoshooting gemacht, um unser gesamtes Team auf der Homepage vorzustellen«, sagt Bingel. Er erhoffe sich dadurch, für potenzielle Bewerber attraktiver zu werden. Weitreichender ist aber ein anderer Schritt, zu dem Bingel bei dem Seminar inspiriert worden ist: Studenten oder Hilfskräfte einstellen, die den gelernten Friseuren zuarbeiten. Bingel hat dafür Anzeigen in studentischen Portalen eingestellt. Einige Interessierte haben auch schon zur Probe gearbeitet, zum Beispiel eine Jurastudentin, eine feste Zusammenarbeit ist daraus aber nicht entstanden. Zumindest bisher. Bingel will weitersuchen.

Paul ist überrascht von diesem Weg. »In dieser Form habe ich das noch nicht gehört.« Allerdings gebe es in anderen Branchen ähnliche Entwicklungen, sagt der Pressesprecher und nennt als Beispiel den Pflegesektor. »Früher gab es nur den Altenpfleger. Dann wurde der Altenpflegehelfer eingeführt. Jetzt werden immer mehr Hilfskräfte eingestellt. Es gibt eben Bereiche, in denen man sich nicht anders zu helfen weiß.«

Das gilt auch für das Friseurhandwerk. Viel Konkurrenz, wenig geeigneter Nachwuchs: Der Kampf um die hellsten Köpfe ist eröffnet.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-In-Giessen-Studenten-arbeiten-als-Hilfs-Friseure;art71,638882

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