20. Juni 2019, 17:58 Uhr

Reynabi-Döner

In Alis Weltbild hat Konsum keinen Platz

Dönerläden gibt es in Gießen wie Sand am türkischen Meer. Doch »Reynabi« sticht hervor. Nicht nur wegen der regionalen Zutaten, sondern auch wegen den Ansichten von Inhaber Ali.
20. Juni 2019, 17:58 Uhr
Für Ali ist Gießen eine Heimat geworden. Dazu tragen auch seine Mitarbeiter bei, Ana Minkova und Wael. (Foto: Schepp)

Wenn sein Leben ein wenig anders verlaufen wäre, säße Ali jetzt in seinem eigenen Café. Wo Freunde und Bekannte Chai und Cappuccino trinken, gute Gespräche führen oder vielleicht ein Buch lesen. »Ich wollte ein Café mit einer Bibliothek, in der auch die ganzen auf der Welt verbotenen Bücher stehen«, sagt der 39-Jährige. Doch es kam anders. Heute betreibt Ali einen Dönerladen. Aber so sehr unterscheidet sich sein Leben vom einstigen Traum gar nicht. Bei »Reynabi« in der Grünberger Straße gibt es ebenfalls warme Getränke, gute Gespräche sowieso. Die Bibliothek fehlt zwar, über Verbote und Meinungsfreiheit wird aber trotzdem diskutiert.

Che Guevara an der Wand

Ali ist in Dersim geboren, jener Region im Osten der Türkei, die seit vielen Jahrzehnten offiziell Tunceli heißt. 1937 kam es hier zum Dersim-Aufstand, tausende Menschen, vor allem Kurden, starben. Heute hat seine Heimatstadt einen kommunistischen Bürgermeister, laut Ali ist es der einzige in der gesamten Türkei. Ob das geprägt hat? Zumindest hängt in seinem Dönerladen nicht etwas ein Gemälde des Bosporus, sondern ein Poster von Che Guevara. Das ist aber nicht der einzige Umstand, der Alis Laden von den vielen anderen in der Stadt unterscheidet. Das Gemüse kommt zum Beispiel häufig aus seinem eigenen Garten. Manchmal bringen auch Kunden Gurken, Tomaten und Auberginen vorbei, die dann auf dem Fladenbrot landen. Das Mehl dafür stammt von einem befreundeten Demeter-Bauern aus der Region. Das Dönerfleisch ist zwar nicht bio, aber immerhin frei von Geschmacksverstärkern und Klebern. Dafür ist Ali auch bereit, einen höheren Preis zu bezahlen. »Nachhaltige Produkte sind uns sehr wichtig. Unsere Kunden sollen etwas Gesundes essen.« Doch der Gießener hat nicht immer so gedacht.

Als Student nach Gießen

Ali hat keine klassische Einwanderbiografie. Seine Eltern kamen nicht etwa als Gastarbeiter nach Deutschland, sie leben noch heute in der Türkei. Er selbst hat nach der Schule Biomedizintechnik studiert und zog vor 13 Jahren als Erasmus-Student nach Gießen. Das Studium verlief aber nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Die Stadt an der Lahn gefiel ihm trotzdem. Und so blieb er.

Ali eröffnete zunächst einen Dönerladen am Neustädter Tor. Er arbeitete aber auch als Obst- und Gemüseverkäufer auf dem Gießener Wochenmarkt. Er kam mit vielen Erzeugern ins Gespräch, war häufig auf dem Großmarkt unterwegs. »Und dann hat es Klick gemacht«, sagt der 39-Jährige mit einem Lächeln. Er habe erkannt, welchen Wert gesunde und nachhaltig erzeugte Lebensmittel hätten. Dazu beigetragen habe auch der vor eineinhalb Jahren verstorbene Chef der Käseglocke, Thomas Krug. »Er war ein guter Freund und hat mir die Augen geöffnet.«

Gegen den Konsum

Seren, Alis Ehefrau, nickt. »Wir haben Thomas sehr viel zu verdanken.« Seren sitzt an diesem Vormittag ebenfalls im Dönerladen und hilft ihrem Mann ab und an beim Übersetzen. Nachhaltigkeit sei auch im Privatleben der Familie eine wichtige Komponente. Wenn möglich kaufen sie im Klatschmohn, im Reformhaus oder bei befreundeten Landwirten. »Unsere beiden Kinder sind schon genauso drauf«, sagt Seren und lacht.

Dem Paar geht es aber nicht nur um den gesundheitlichen Aspekt. Auch das große Ganze haben sie im Blick. Wenn Seren über die Einstellung ihres Mannes spricht, leuchten ihre Augen. »Ali mag es nicht, dass es nur noch ums Konsumieren geht. In allen Bereichen. Wir konsumieren Kleidung, Nachrichten, Ereignisse. Und eben Essen. Dabei ist es etwas sehr Zärtliches, Fürsorgliches und Liebevolles, jemanden mit Nahrung zu versorgen.«

Ziel: Eigener Bauernhof

Diesen Ansatz verfolgt Ali auch in seinem Laden in der Grünberger Straße, den er 2012 eröffnet hat. Der Name ist dabei Programm. »Reynabi« ist kurdisch und heißt frei übersetzt »Komm‹ bald wieder.« Dieser Einladung folgen die Gießener gerne. Ali hat viele Stammkunden. Der ein oder andere hat sogar zum Erscheinungsbild des Ladens beigetragen. Das prägende Graffiti an der Eingangstür zum Beispiel hat ein befreundeter Künstler gemalt. Die aus Paletten gefertigten Möbelstücke stammen von einer Studentin, andere Unterstützer haben die individuelle Speisekarte über dem Tresen entworfen. »Wir sind hier alle eine große Familie«, sagt Ali. »Ich möchte, dass dies hier ein Ort der Begegnung und der Kommunikation ist.« Der Verkauf sei dabei zweitrangig, sagt der Gießener, er freue sich daher genauso über die vielen Schüler, Nachbarn oder Flüchtlinge, die nur vorbeischauen und einen kostenlosen Tee trinken.

Es gibt nicht wenige, die Reynabi als den besten Döner der Stadt bezeichnen. Auch, weil es hier mehr gibt als Rotkraut, Zwiebeln und Knoblauchsoße. Auf Alis Döner landet zum Beispiel angebratenes mediterranes Gemüse, aber auch saisonales wie Kürbis. Der 39-Jährige freut sich natürlich über das positive Feedback, es stellt ihn aber auch vor Probleme. »Wir haben nur eine kleine Küche, wir schaffen das langsam gar nicht mehr.« Mitunter sei die Schlange vor der Tür so lang, dass die Kunden eine halbe Stunde warten müssten. »Das tut mir sehr weh.« Auf der anderen Seite entstehen durch das Warten auch Gespräche. Und dadurch Freundschaften. Ali spielt zum Beispiel in zwei Freizeitmannschaften Fußball. »Ein paar Kunden haben mich mal mitgenommen.«

Wenn Ali nicht gerade hinterm Tresen oder auf dem Fußballplatz steht, verbringt er seine freie Zeit im Garten. Er pflanzt Tomaten, Gurken, Auberginen und vieles mehr an. Zutaten, die später auf dem Döner landen. Auch das Chili-Pulver verdanken die Kunden Alis grünen Daumen. Zu seinen Hobbys gehört zudem Musik, auch wenn seine Ehefrau beim Gedanken daran die Augen verdreht. »Ali hat etliche Instrumente, er kann aber keines davon spielen.« »Aber ich lerne es noch«, sagt ihr Ehemann. Seren lacht: »Inschallah.«

Ali und Seren sind inzwischen echte Gießener. Vor ein paar Jahren hatten die beiden noch mit dem Gedanken gespielt, der Stadt den Rücken zu kehren und ein neues Abenteuer zu wagen, zum Beispiel in Berlin, Hamburg oder München. »Doch dann hat mein Mann gesagt: Ich will hier nicht mehr weg, das ist jetzt meine Heimat«, sagt Seren. Ali nickt zustimmend: »Ich kenne hier viele Leute, Gießen ist wie eine große Familie. Ich bin sehr glücklich.« Wenn er doch noch einmal weggehen sollte, dann nur in seine alte türkische Heimat. Aber erst, wenn die Kinder groß sind. Er schätzt die Bildungsmöglichkeiten, die sie hier in Deutschland haben. Aber auch das politische Klima in der Türkei müsste sich verändern, bevor die Familie zurückkehren würde.

Vielleicht wird Ali dann aber längst auf einem Bauernhof im Gießener Umland leben. Denn das ist seit einiger Zeit sein neuer Traum: »Ich will mein ganzes Zeug selbst produzieren. Mich um die Tiere und Pflanzen kümmern. Nicht mehr verkaufen, sondern erzeugen.« Doch das sei noch ein langer Weg. Ali scheint diesen Wunsch gelassen anzugehen. Vermutlich weil er beim Gedanken an die einstigen Café-Pläne weiß: Auch geplatzte Träume können zu etwas Gutem werden.

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