07. April 2017, 20:06 Uhr

Immer weniger Tagesmütter

07. April 2017, 20:06 Uhr
Gaby Bindernagel liebt ihren Beruf als Tagesmutter. Die Bezahlung und die Zusammenarbeit mit Kindertagesstätten allerdings »könnten besser sein«, sagt die Gießenerin. (Foto: kw)

Toni hält einen Spielzeugbagger hoch, Charlie späht hinaus in den Garten, Zoe will ein Wimmelbuch anschauen. »Gleich habe ich Zeit für dich«, sagt Gaby Bindernagel. Familiär und gelassen ist die Atmosphäre im Wohnzimmer der Gießenerin, die in ihrer Einrichtung »Zwergolino« vier Kleinkinder betreut. »Es macht mir Freude, die Entwicklung der Kinder zu beobachten und selbst dazu beizutragen«, erzählt Gaby Bindernagel. Sie ist Tagesmutter – eine von gut 40 in Gießen. Vor einigen Jahren waren es noch 70. Weil die Zahl deutlich schrumpft, will die Stadt die Tätigkeit jetzt attraktiver gestalten. Damit einhergehen werden wahrscheinlich höhere Elternbeiträge.

Schon vor 20 Jahren startete die professionelle Tagespflege in Gießen (mehr im Kasten), auch weil es kaum Kleinkindbetreuung in Kindergärten gab. Heute haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Platz schon für die Kleinen. Dutzende Gießener Kindertagesstätten haben in den letzten Jahren um- und angebaut. Gut 700 »U3«-Plätze gibt es aktuell, 110 davon in der Tagespflege. Flexible Zeiten, individuell vereinbart, und kleine Gruppen: Das ist ideal, beispielsweise für Kinder unter einem Jahr.

Fortbildung auf eigene Kosten

Nicht nur deshalb sei diese Form der Betreuung nach wie vor nötig, erläutert Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich auf GAZ-Anfrage. »Wir brauchen die Tagespflege dringend«: Etwa für Pendler mit langen Arbeitswegen oder für Schichtarbeiter mit Wochenenddienst. »Wir bewerten die Arbeit sehr, sehr positiv«, pflichtet Gabi Keiner bei, stellvertretende Leiterin des Jugendamts. »Wir betrachten die Tagespflege gleichrangig mit der Betreuung in Institutionen.«

Doch bei der derzeit niedrigen Arbeitslosigkeit fehlt es an Bewerbern. Wegen mangelnden Interesses wurde der jüngste geplante Qualifizierungskurs abgeblasen. Zahlreiche Absolventen des letzten Seminars – etliche waren vom Jobcenter zur Teilnahme bewegt worden – entschieden sich doch gegen eine Tätigkeit als Tagespflegeperson.

Was schreckt sie ab? »Die Bezahlung könnte besser sein«, sagt Gaby Bindernagel. »Sie hat sich nicht verändert, seit ich im Jahr 2004 angefangen habe.« Von dieser Arbeit leben könne man eigentlich nur, wenn man täglich die Höchstzahl von fünf Kindern betreut. Doch insgesamt ist die Gießenerin mit ihrem Beruf glücklich: »Im Jugendamt ist man sehr bemüht, auf Verbesserungsvorschläge einzugehen.« So würden inzwischen vielfältigere Fortbildungsthemen angeboten.

Andere Tagesmütter sehen die Bedingungen kritischer. Sie klagen zum Beispiel darüber, dass sie die jährlich vorgeschriebenen 20 Fortbildungsstunden in ihrer Freizeit und auf eigene Kosten absolvieren müssen. Und das geht nicht überall: Den Großteil sollen sie in der evangelischen Familien-Bildungsstätte belegen. Das diene der Vernetzung der Tagespflegepersonen, erklärt das Jugendamt.

Was besser werden kann, klärt zurzeit eine Arbeitsgruppe. Ende dieses Jahres werden Ergebnisse erwartet. Unter anderem wird es wohl mehr Geld und bezahlte Fortbildungen geben. »Finanziell müssen wir nachsteuern«, meint Weigel-Greilich.

Ziel seien zudem klare Qualitätsstandards, um die gute Arbeit zu sichern, erläutert Gabi Keiner. Ein wichtiger Punkt dabei ist die Zusammenarbeit mit den Tagesstätten. Einige Tagesmütter berichten, Kitas setzten Eltern unter Druck, Kinder schon mit zwei Jahren statt wie gewünscht erst zum dritten Geburtstag in die Einrichtung zu geben. Das Argument: Man könne nicht zusichern, dass ein Jahr später ein Platz frei ist. Künftig soll den Eltern garantiert werden, dass ein Wechsel mit drei Jahren klappt, erläutert Gabi Keiner. In Kooperation mit Kitas verbindlicher geregelt werden sollen auch Vertretungsmodelle bei Krankheit oder Urlaub der Tagesmutter. Formal ist sie Freiberuflerin. »Trotzdem gewähren wir schon jetzt eine gewisse Absicherung. Das möchten wir weiter verbessern.«

Für Gaby Bindernagel eine gute Nachricht. »Krank bin ich glücklicherweise fast nie – oder nur am Wochenende und im Urlaub.«

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