07. Januar 2019, 20:56 Uhr

Immer steil bergauf

Über Sport einen Beitrag zur Integration leisten: Das ist das Ziel eines besonderen Kurses, der zweimal die Woche in der Kletterhalle des Gießener Alpenvereins stattfindet. Die Teilnehmer sind Flüchtlinge. Beim Klettern trainieren sie weit mehr als nur Athletik und Technik.
07. Januar 2019, 20:56 Uhr
Wolfgang Horstmann (Mitte) will mit dem Kletterkurs für Flüchtlinge einen Beitrag zur Integration leisten. (Foto: csk)

Aller Anfang ist schwer. Die Sicherung greift noch nicht perfekt, das Sturzpotenzial ist jetzt am größten. Wenn jemand nicht aufpasst, fällt er vielleicht auf den Boden. Mit jedem Schritt höher sinkt die Verletzungsgefahr. So weit die Theorie. Allzu sehr beeinflusst sie die Praxis an diesem Nachmittag ohnehin nicht. Dafür wissen die sechs Kinder und Jugendlichen, die in der Kletterhalle des Gießener Alpenvereins trainieren, viel zu genau, was sie da tun. Angeleitet von Wolfgang Horstmann stellen sie sich ihrer jeweils ganz eigenen Herausforderung – und kennen dabei nur eine Richtung: möglichst steil bergauf.

Unvorbereitet geht allerdings niemand an die Wand. Entscheidend ist beim Klettern die Vorbereitung am Boden. Gurte anlegen, Sicherungen kontrollieren, jeden auf die passende Route schicken – Horstmann hat alle Hände voll zu tun. Zum Glück helfen ihm seine Schützlinge: Mit dem »Partnercheck« prüft der unten Bleibende stets, ob der andere richtig abgesichert ist. »Im Klettersport ist alles abhängig von menschlichen Fehlern«, sagt Horstmann. Im Frühjahr 2017 hatte der pensionierte Lehrer die Idee, Kurse für Flüchtlinge anzubieten. Wenig später machte er sie zur Realität – um »über Sport einen Beitrag zur Integration zu leisten«.

Seither nahmen etwa 50 Personen teil, schätzt der 66-Jährige, darunter sechsjährige Kinder und 40-jährige Männer. Ob aus Somalia oder Eritrea, aus Syrien, dem Irak oder sonst wo her: Sie alle erreichten Deutschland als Flüchtlinge – und viele wurden bald in andere Städte verlegt. Diese Fluktuation habe dem Kurs anfangs zu schaffen gemacht, berichtet sein Leiter, außerdem, dass ein fester Ansprechpartner bei der Stadt fehlte. Mittlerweile ist er gefunden. Nach einem Neustart im September, der vom Sportamt unterstützt wurde, und dank der finanziellen Förderung vom Land Hessen läuft es nun so richtig rund. Dass dienstags und donnerstags von 16 bis 18 Uhr ein Kletterkurs für Flüchtlinge stattfindet, verbreitet sich in der nahe gelegenen Erstaufnahmeeinrichtung heute vor allem über Mundpropaganda.

Gut für Kopf und Oberarme

Während Horstmann erzählt, treffen nach und nach die sechs derzeitigen Teilnehmer ein. Der jüngste ist neun Jahre alt, der älteste, Golestan Momeni, wird demnächst 22. Seit drei Jahren ist der Afghane in Deutschland, fast ebenso lange wohnt er in Wißmar. Er besucht die Hauptschule, kann seine Muttersprache nicht schreiben, spricht aber so gut Deutsch, dass er im Kurs als Dolmetscher fungiert. Warum er gern hierher kommt? »Ich mag Sport«, antwortet Golestan, »zum Beispiel Fußball, Krafttraining und Klettern«. Letzteres sei besonders gut für den Kopf: »Konzentration und Selbstbewusstsein« stärke es genauso wie seine Oberarme.

Ganz ähnlich beschreibt Horstmann seine Arbeit. Wenn er über die Ziele der Teilnehmer redet, dann spricht er unter anderem von Spaß und Ablenkung, aber auch von Erfolgserlebnissen und wachsendem Selbstvertrauen. Und er ist erkennbar stolz auf das Talent, das viele zeigen. So sind Fatima und Uranus Mirzaee bis zu ihrem ersten Besuch vor drei Monaten noch nie geklettert. Regelmäßig lobt Horstmann die Schwestern aus Afghanistan für ihre Fortschritte. »Du lernst schnell. Das ist längst nicht deine Grenze«, freut er sich einmal, als Fatima von der Hallendecke gen Boden schwebt. »Ich bin wirklich stolz auf dich.«

Am Anfang holprig

Angefangen haben Fatima und Uranus, wie alle hier, mit Toprope-Klettern, der Anfängervariante. Wer sie beherrscht, darf Vorstieg klettern, sich also gleichsam an der anspruchsvolleren und risikoreicheren Form versuchen. Für Fatima und Golestan hat Horstmann diesmal außerdem eine besondere Überraschung parat: Sturzübungen. »Ihr könnt nur an eure Grenzen gehen, wenn ihr keine Angst vorm Stürzen habt«, erklärt er das spezielle Training. Gesagt, getan. Erst klettert Golestan bis unter die Hallendecke, fällt so kontrolliert wie gelassen ein Stück in die Tiefe und baumelt schließlich noch ein wenig lächelnd am Sicherungsseil. Kurz darauf macht es ihm Fatima nach. Beide Gesichter sagen: 16 Meter in die Höhe, ein paar Meter im freien Fall – wo ist eigentlich das Problem?

Um kurz nach 18 Uhr geht das Klettertraining zu Ende. Der Kursleiter verteilt Schokolade – und er hat ein offenes Ohr für die Probleme der Jugendlichen. Eine Teilnehmerin leidet unter Zahnschmerzen. Sie müsse zum Zahnarzt, erklärt Horstmann. »Darauf hast du ein Recht.« Tatevik und Davit Okanyan liegt etwas anderes auf der Seele. Sie ziehen in zwei Wochen nach Frankfurt. »Nächste Woche kommt ihr aber wieder?«, fragt Horstmann die 13-Jährige, bevor sie die Halle verlässt. Tatevik nickt. Dann macht sie sich mit ihrem kleinen Bruder auf den Heimweg.

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