22. Juli 2009, 22:10 Uhr

Immer neue hinreißende, irritierende Aussichten

Gießen (srs). Ein Zeppelin flog am Dienstagabend eine Runde über die Innenstadt. Im Cockpit durfte ein Mitarbeiter der Allgemeinen Zeitung Platz nehmen.
22. Juli 2009, 22:10 Uhr
Als der Zeppelin in der Nähe des Männer-Bade-Vereins landete, eilten rund 20 Kinder herbei und stiegen in das Cockpit. (Foto: srs)

Feuer faucht und speit über den Köpfen. Eine offene Flamme erhitzt die Luft über der Gondel auf 110 Grad. Die Gurte sind angelegt. Im Magen macht sich ein banges Grummeln breit. Dann hebt das Luftschiff ab - und die Angst weicht. Kein Wackeln, kein Wanken. Der Zeppelin schwebt wie ein gemächlicher Aufzug in die Höhe. Langsam entfernt sich das Gras unter den Füßen. Immer weiter fasst der Blick, immer breiter entfaltet sich der Horizont. »So stellt man sich als Kind das Fliegen vor«, ruft Pilot Andreas Kühl. Dann ist der Blick frei auf das sich allmählich auffächernde Gießen.

Es sind sieben mächtige Kräne, die als erstes ins Auge fallen. Der Zeppelin hat gerade seine Fahrt von der Pfingstweide aus aufgenommen, da passiert er die Großbaustelle an der Ecke Aulweg/Schubertstraße - das Biomedizinische Forschungszentrum. Mit zwei Seilen steuert der Pilot das Ruder. In Kurven balanciert er das Luftschiff über die Stadt - immer mit Bedacht, Gegenwind zu umgehen. 41 Meter lang ist das Gefährt. »Maximal wiegt das Luftschiff beim Abflug 900 Kilo«, erklärt Kühl. Und dennoch ist der Zeppelin leichter als die Luft - durch die Erwärmung des Popangases in der Hülle.

Die Fahrt war zunächst für den Morgen geplant. Doch ein Regenguss verhinderte den Start. »Die Hülle darf nicht nass werden«, erläutert Kühl. Jetzt gleitet das Gefährt bei leichtem Ostwind in 300 Metern Höhe über der Lahn, während sich im Westen die Sonne langsam rötet. Einem Zahnstocher ähnelnd zieht ein Ruderboot durchs Wasser. Unaufhörlich bieten sich neue, hinreißende, irritierende Einsichten. Ist Gießen tatsächlich so grün? Wie ein Modell wirkt das neue Rathaus von oben. Unter dem Elefantenklo, das auch aus der Luft betrachtet keinen Schönheitspreis gewinnen kann, schlängelt sich eine bunte Menschenkette über den Anlagenring: das »Tuesday Night Skating« zieht durch die Stadt.

»Oben ist alles etwas schöner«, sagt der Pilot. Er ist für das Unternehmen »Ballonwerbung Hamburg« tätig. Auf dem Zeppelin prangt Werbung für den Otto-Versand, der sein 60-jähriges Jubiläum feiert. Während der AZ-Mitarbeiter aufgrund der ungewohnten Perspektive immer wieder aufs Neue Orientierung suchen muss, findet sich Kühl schnell zurecht. »Ach, Gießen hat einen Botanischen Garten mitten in der Stadt, schön«, beobachtet er. »Von der alten Baustruktur ist im Krieg wohl leider vieles zerstört.« In zwei Sätzen hat der seit 16 Jahren über deutsche Ort- und Landschaften fliegende Kühl zwei wesentliche Charakteristika der Stadt entdeckt.

Nach einer guten Stunde setzt er schließlich zur Landung an. Während der Zeppelin auf einer Wiese in der Nähe des Männer-Bade-Vereins niedergeht, rennen Kinder herbei. Für Sekunden stellen sie sich vor zu fliegen. »Kann ich das haben?«, fragt ein Mädchen. »Das stinkt nach Gas«, beschwert sich ein Junge.

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