16. August 2019, 14:00 Uhr

Lkw gegen Radfahrer

Im toten Winkel lauert der Tod

Fast 40 Radfahrer sind 2017 in Deutschland ums Leben gekommen, weil sie von abbiegenden Lkws übersehen wurden. Die Firma Carlé aus Gießen hat den toten Winkel nun aus dem Fuhrpark verbannt.
16. August 2019, 14:00 Uhr
Gerhard Greilich, OB Dietlind Grabe-Bolz, Hans-Werner Häuser und Michael Carlé (v.l.).

Es war eine Minute der Stille auf dem Hof der Stadtwerke, bevor sich die Teilnehmer der Tour der Hoffnung am Mittwoch auf die Strecke machten. Die Schweigeminute galt ihrem ehemaligen Mitstreiter Alois Stöcklin. Vor einem Jahr war der Südbadener bei einer Rennradausfahrt in Basel an einer Kreuzung von einem Lkw überrollt und getötet worden. Details über den Unfallhergang sind nicht bekannt, aber vielleicht könnte Stöcklin noch leben, wenn der Lkw mit einem Abbiegeassistenten ausgerüstet gewesen wäre. »Ein neuer Lkw kostet bis zu 300 000 Euro, der Einbau eines Abbiegeassistenten 1200 Euro, und der Einbau wird auch noch gefördert«, sagt Michael Carlé, Chef des bekannten Gießener Unternehmens für Bedachungen. Im Frühjahr hatte Carlé auf Anregung seines Mitgeschäftsführers Hans-Werner Häuser die gesamte Flotte mit dem Kamerasystem ausrüsten lassen. Die 14 Lkw aus den Standorten Gießen, Hungen und Kriftel sind seitdem in Mittel- und Südhessen mit Abbiegeassistenten unterwegs, obwohl der Einbau noch keine Pflicht ist.

Für die Fahrer sind Einrichtungen wie der Abbiegeassistent oder die Rückfahrkamera laut Häuser »große Hilfen«. Die Fahrzeuge des Unternehmens müssten bei ihren Touren zu den Baustellen nicht nur enge Ortsdurchfahrten passieren, sondern auch in Innenstädten rangieren. »Das Rhein-Main-Gebiet ist unangenehm, in den Städten müssen unsere Fahrer in zweiter Reihe entladen oder rangieren, in Frankfurt ist es extrem«, erzählt Michael Carlé am Donnerstag auf dem Werksgelände an der Karl-Glöckner-Straße. Auch Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Gerhard Greilich, Vorsitzender des Allgemeinen Fahrradclubs Deutschland in Gießen, sind gekommen. »Carlé hat vorbildlich gehandelt. Gerade in der einer Stadt wie Gießen mit hohem Radverkehrsanteil zeugt dieser freiwillige Einbau von Sicherheitssystemen von einem hohen Verantwortungsbewusstsein«, lobt Greilich. Die Oberbürgermeisterin, die als Alltagsradlerin die Gefahren kennt, fügt hinzu: »Hoffentlich finden Sie viele Nachahmer.«

In seinem gut zehn Meter langen 26-Tonner, der für eine Tour in den Vogelsberg beladen ist, erklärt Fahrer Oliver Kraft, wie der Abbiegeassistent funktioniert. Direkt über der Beifahrertür sitzt eine kleine Kamera, deren Aufzeichnung auf einem Tablet-großen Display neben dem Beifahrersitz zu sehen ist. Schaut Kraft in den rechten Außenspiegel, sieht er auch den Bildschirm. Zu Demonstrationszwecken hat sich Michael Carlé neben dem Lkw mit seinem E-Bike aufgestellt. Als er weiter nach vorne rückt und auf Höhe der Beifahrertür steht, ist er aus dem Spiegel verschwunden, aber auf dem Bildschirm noch zu sehen.

Er steht jetzt im berühmten toten Winkel, der schon viele Radfahrer und Fußgänger das Leben gekostet und Lkw-Fahrer geschockt hat. Greilich erinnert an den tödlichen Unfall 2015 in der Frankfurter Straße/Ecke Klinikstraße, bei dem eine Radfahrerin von einem abbiegenden Lkw überrollt wurde. »Jeder Unfall macht betroffen. Wir haben eine Verantwortung für die anderen Verkehrsteilnehmer und unsere Mitarbeiter. Deshalb haben wir proaktiv gehandelt«, erklärt Geschäftsführer Häuser.

Eine kleine staatliche Beihilfe erhielt Carlé aus dem de-minimis-Programm, die vom Bundesverkehrsministerium eigens aufgelegte Förderung zum Einbau der Abbiegeassistenten trat erst danach in Kraft. »Finanziell darstellbar ist die Nachrüstung so oder so«, sagt Michael Carlé.

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