01. Januar 2017, 22:53 Uhr

Im alten Jahr das erste Neujahrskonzert

Es ist dieser warme Klang, den die HR-Sinfoniker wie auf Knopfdruck abrufen können. Er ruht auf dem runden Streichersockel, der frisch und homogen das Große Haus des Stadttheaters erobert. Beinahe nebensächlich ist es dabei, was das Orchester gerade spielt. Am Freitagabend waren das im letzten Sinfoniekonzert des Jahres Werke von Chatschaturjan, Bruch, Brahms und Schostakowitsch.
01. Januar 2017, 22:53 Uhr
Eins mit der Musik: Violinistin Nicola Benedetti. (Foto: Fowler)
Am Pult steht zum ersten Mal in Gießen Aziz Shokhakimov. Der 28-jährige Usbeke, seit der vergangenen Spielzeit Kapellmeister an der Deutschen Oper am Rhein, agiert als Gasttaktgeber impulsiv und exaltiert. Die Musiker ficht das nicht an. Selten sieht man den kompletten Streicherapparat so wenig zum Dirigenten aufblicken wie an diesem Abend, mit dieser unverkennbaren Botschaft: Ja, wir können das auch allein. Zusammen geht es aber noch besser: Wenn Violinistin Nicola Benedetti bei Bruch das Zepter führt, werden Bravorufe laut. Der Höhepunkt des Abends.
Zuvor serviert Shokhakimov die Ballettsuite »Maskerade« von Aram Chatschaturjan. Vom ersten Ton an macht das Orchester deutlich, warum es zu den führenden Klangkörpern Deutschlands gehört: Mit Leichtigkeit, Einfühlungsvermögen und Virtuosität wissen die Frankfurter ihr Publikum zu verzaubern. Die fünf Sätze, ein Extrakt von Chatschaturjans Bühnenmusik zu einem Theaterstück von Michail Lermontov (Inhalt: Eine Frau wird nach der falschen Anschuldigung wegen Untreue von ihrem Mann getötet) aus den 1940er Jahren, verfügen über russischen Esprit und treibende Tempi. Das große Orchester besticht im Walzer, formt eine unter die Haut gehende Nocturne und findet in der Romanze eine weitere Heimstatt.
Nach der Pause setzen vier ungarische Tänze von Johannes Brahms diesen intensiven Weg fort. Sie verfügen trotz der Wohlfühlatmosphäre über Feuer und verleihen dem deutschen Romantiker eine sonore Stimme. Die abschließende Jazz-Suite Nr. 2 von Dmitri Schostakowitsch schießt dann über das Ziel hinaus. Shokhakimov nimmt mit der ausgiebigen Walzerseligkeit und den »lustigen« orchestralen Wendungen ein Neujahrskonzert vorweg. Das darf nicht verwundern: Mit dem gleichen Programm hießen Dirigent, Orchester und Solistin gestern Nachmittag im Kurhaus Wiesbaden das neue Jahr willkommen. Der lange Applaus fördert am Ende in Gießen eine Orchesterzugabe zutage.
Auch Nicola Benedetti wird vom Publikum vor der Pause nicht ohne Zugabe von der Bühne entlassen. Die Geigerin liefert mit Max Bruchs Konzert für Violine und Orchester Nr. 1 g-Moll op. 26 ihr Meisterstück ab. Das in den 1860er Jahren entstandene Werk garantiert dem Komponisten einen Platz auf dem Podest der Unsterblichkeit. Benedetti lässt in allen drei Sätzen hören, warum das so ist.
Mit waghalsigen Läufen, aggressiven Doppelgriffen und dem Elan der Jugend pulsiert die in Schottland geborene 29-Jährige durch die anspruchsvolle Partitur. Auf ihrer »Gariel«-Stradivari von 1717 platziert sie melodische Ausrufezeichen. Schöner hätte das alte Jahr nicht ausklingen können.
Manfred Merz

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