17. Mai 2010, 21:00 Uhr

Im Stadttheater: Viel Applaus für »Der Revisor« von Werner Egk

Im Stadttheater gab es am Sonntagabend viel Applaus für die Premiere der komischen Oper »Der Revisor« von Werner Egk. Als Gäste war das Electric Dance Theatre aus Frankfurt mit von der Partie.
17. Mai 2010, 21:00 Uhr
Alle sind sie fein herausgeputzt und haben Dreck am Stecken: Chlestakow (Dan Chamandy, M.) freut sich über jede pekuniäre Zuwendung. (Fotos: Rolf K. Wegst)

Alles läuft wie geschmiert. Seit die Honoratioren der Kleinstadt glauben, Chlestakow sei ein aus der Hauptstadt entsandter Revisor, geht es dem abgebrannten Spieler und Weiberhelden hervorragend. Er wird von der Damenwelt nicht nur mit Speis und Trank verwöhnt und von den Herren, die allesamt Dreck am Stecken haben, mit Bargeld bedacht. Chlestakow nutzt die Gunst der Stunde, um Spaß zu haben, sich den Bauch vollzuschlagen und als reicher Mann davonzuziehen.

Das Rezept ist einfach: Man skizziere naives Personal und gebe dem Publikum etwas zu lachen - das führt zum Erfolg. Wie am Sonntag. Die selten gespielte komische Oper »Der Revisor« von Werner Egk (Musik und Libretto) nach einer Vorlage von Nicolai W. Gogol feierte im Stadttheater lang beklatschte Premiere.

Intendantin Cathérine Miville hat sich als Regisseurin der Aktualität des Stoffs angenommen und siedelt das Werk im Hier und Jetzt an - oder besser: in einem zeitlosen und ortsungebundenen Raum, »denn bestochen und geschmiert wurde gestern so viel, wie es auch morgen noch der Fall sein wird«, sagte Miville im Vorfeld der Premiere.

Ihre Freude über die Vielzahl der Assoziationen war in jeder Szene spürbar. Die textlichen Details - etwa das Thema Dinos vorm Rathaus - hat die Regisseurin mit Liebe zum Sujet arrangiert und die Ebene der Presse, über die sich Chlestakow beklagt, sowie die öffentliche Meinung dem Libretto aus dem Jahr 1957 hinzugefügt. So gelingt ihr eine dichte Inszenierung, die nach der Pause Fahrt aufnimmt und das Tempo bis ins Finale hält. Ein Problem: Die Artikulation einzelner Sänger verhinderte das Textverständnis, was der enormen Geschwindigkeit der zu rezitierenden Worte geschuldet sein mag.

Als gelungen darf eine Premiere innerhalb der Premiere bezeichnet werden: Die Verpflichtung des Electric Dance Theatre aus Frankfurt belebte nicht nur die Raumsequenzen. Das stumme, ganz in Weiß gekleidete und ebenso geschminkte Quartett mit seiner Mischung aus Pantomime, TechArt und Breakdance, offiziell multimedialer Tanz genannt, war ein belebender Faktor für die eindimensionale Handlung und ein Kontrapunkt zu den schnellen Textpassagen.

Das kongeniale schwarz-weiße Bühnenbild von Lukas Noll fängt die Szenerie stimmig ein, umgrenzt den Raum via Leuchtmittel und nutzt mit schwarzen Treppen links und rechts sowie einer weißen Rampentreppe in der Mitte - als Stufen dienen Gebäudeminiaturen der Stadt - die Bühnentiefe wirkungsvoll. Für gelungene Farbtupfer in Blau und Rot sorgt Lichtmeister Christopher Moos. Nolls Schwarz-Weiß-Ambiente darf auf die Charaktere übertragen werden: Überraschende Wendungen gibt es keine, deshalb müssen die einzelnen Facetten der Oper überzeugen.

Da ist zunächst das Philharmonische Orchester Gießen. Die rund 30 Musiker im Graben, ergänzt um Schlagwerk, Harfe und Klavier, standen am Sonntag unter der Leitung des stellvertretenden Generalmusikdirektors Herbert Gietzen, der zum ersten Mal eine Egk-Oper dirigierte. Das Orchester fing den neoklassizistischen Duktus farbig und variabel ein.

Dass bei der Nummernoper mit ihren durchkomponierten Seccorezitativen Bitonales auf Polyrhythmik trifft, braucht niemanden zu erschrecken. Glasklar hielt Gietzen die Facetten ins Licht; in der Verführungsszene flammt ein französisches Chanson auf, in der billigen Absteige des Chlestakow wecken Kurt-Weil-Zitate Erinnerungen an die »Dreigroschenoper«, und Bernsteins »Westside Story« schaut kurz ums Eck. Anklänge an russische Volkslieder sowie Filmmusik-Reminiszenzen der Marke Bernard Herrmann komplettieren den modernen Sound. Dass die potenzielle Polizei in obligaten Quartsprüngen herbeieilt, sei Egk verziehen.

Das Personal auf der Bühne hat Miville, den Vorgaben des Komponisten folgend, von ursprünglich 24 auf 13 Charaktere reduziert. Dan Chamandy als halbseidener Chlestakow spielt die Rolle mit großer Präsenz. Sein strahlender Tenor, der hier und da aufblitzen durfte, verlieh der Figur des eitlen Pfaus durchaus Sympathisches. Sein Diener (Stephan Bootz) bot dank kräftigem Bass den stimmlichen Gegenpol, der nur von der beeindruckenden Tonlage des Richters (Axel Wagner) übertroffen wurde. Wagners abgrundtief zu nennender, gut artikulierter Bass war trotz der nur kleinen Rolle einer der gesanglichen Glanzpunkte.

Das gilt auch für das Duett von Henrietta Hugenholtz als Frau des Schlossers und Jungwitwe Odilia Vander- cruysse. Beide Damen waren mit Hüftgold ausstaffiert (Kostüme: Lukas Noll) und sangen ausdrucksstark. Gelungene Miene zum feisten Spiel machten Carla Maffioletti (Marja) und Martina Borst (Anna). Während Maffioletti mit ihrem kecken Sopran die kindliche Tochter mimte, verlieh Mezzosopranistin Borst ihrer Rolle als Mutter einen warmen Anstrich - beide freilich verfallen dem Charme des Chlestakow.

»Endlich!«, dürfte Tenor Alexander Herzog ausgerufen haben, »endlich darf ich einmal wirklich albern sein« - in der Rolle des Bobtschinskij. Herzog tat dies gemeinsam mit Bariton Matthias Ludwig (Dobtschinskij). Beide zeigten gut gepolstert und mit Gesichtsmasken am Hinterkopf Spielwitz - der Begriff Wendehals ließ grüßen. Tenor August Schram als Postmeister sang gewohnt lyrisch leicht, während Kurator Patrick Simper, Stadthauptmann Peter Paul und Christian Richter als dessen Diener hinter den Erwartungen zurückblieben.

Schmerzlich vermisst wurde am Sonntag der städtische Opernchor, der immer ein Garant für Stimmgewalt ist, aber in der Egk-Komposition keine Verwendung findet. Stattdessen absolvierten neun der Akteure kurz vor Schluss einen vielstimmigen A-cappella-Auftritt, der zu den ausgefeiltesten Stücken des Abends zählte. Hier setzten die Vokalisten Akzente.

Und was ist nach gut zwei Stunden die Moral von der Geschicht? Man braucht diese Oper nicht - und freut sich dennoch. Manfred Merz

 

(Die nächsten Aufführungen sind am 28. Mai und 12. Juni)

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