23. August 2017, 19:32 Uhr

Im Nachdenken versunken

Bilder eines syrischen Künstlers sind in einer ehemaligen Scheune in Gießens Stadtteil Lützellinden ausgestellt: Hans Reinard macht das möglich und lädt an diesem Samstag zur Vernissage ein.
23. August 2017, 19:32 Uhr
Waleed Nizamy malt immer wieder Menschen. (Foto: dkl)

In ihrer diesjährigen Sommerausstellung zeigen die Galeristen Ursula und Hans Reinard Bilder von Waleed Nizamy. In ihrer kleinen Scheunengalerie kommen die figurativen Bilder besonders gut zur Geltung, wenn sie ohne distanzierenden Glasrahmen direkt an der rauhen Wand befestigt sind.

Nizamy kommt aus Syrien, er hat dort an der Universität Damaskus Malerei studiert, war an zahlreichen Ausstellungen beteiligt. Dann wollte er die europäische Kunst kennenlernen und schrieb sich 1999 an der Universität Madrid ein. Doch fand er nicht, was er suchte und kehrte bald in seine Heimat zurück. 2013 ließ er bei einer Ausstellung in Beirut politisch unbequeme Äußerungen fallen, in der Folge trat er die Flucht nach Europa an.

Gesichter erinnern an Modigliani

Im Juni 2014 erreichte er mit Frau und Kind Süddeutschland, hatte 2015 seine erste Ausstellung in der Stadt Mengen. Seit 2016 lebt er in Marburg, erhielt einen Freiplatz an der Marburger Sommerakademie und hatte kürzlich eine Ausstellung im Kreishaus in Cappel. Bis Februar war eine kleine Auswahl seiner Arbeiten auch im Universitätsklinikum Gießen, an den Wänden der Magistrale auf Ebene 4, zu sehen.

Nizamy malt immer wieder Menschen, viele sind allein, manche zu zweit oder dritt, immer in einem undefinierten Raum, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Einzelne Möbelstücke scheinen ein Eigenleben zu führen, entweder Tisch, Stuhl oder Bett. Nie alles zusammen. Die Mini-Gruppen stehen oder sitzen, blicken oft statisch aus dem Bild heraus. Die Gesichter haben keine individuellen Züge, sie faszinieren mit einer ikonenhaft fremden Ausstrahlung.

In Deutschland fand Nizamy, was er in der europäischen Kunst gesucht hatte: den Expressionismus, also das Ausdrücken von Gefühlen in der Malerei. Seine Figuren sind in Nachdenken, vielleicht in Traurigkeit versunken. Sie wirken auf westliche Betrachter sehr zurückhaltend, allenfalls die Beigaben wie Hund oder Kind mag man interpretieren. Die Einzelfiguren sitzen oft vor einem Fernseher, aus dem geisterhafte Wesen herausschweben und scheinbar von dem Menschen Besitz ergreifen wollen. Das erscheint eher beängstigend. Die Gesichter erinnern an Modigliani, der ähnlich überlängte, ent-individualisierte Gesichter malte. Modigliani bereiste einst den Nahen Osten und entwickelte seine Figurendarstellung aus der dort gefundenen Ästhetik. Das macht die Fremdheit in den figürlichen Darstellungen beider Künstler vergleichbar. Trotz der Beengtheit seiner aktuellen Wohnsituation und seiner Arbeit, die mit hohem Fahraufwand verbunden ist, lässt Waleed Nizami sich nicht abhalten vom Malen und schafft in der Farbigkeit hoch differenzierte Werke.

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