19. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Im Bann der Düstermänner

»Eisheilige Nacht« in Gießen: Vier szenebekannte Rock- und Metalbands mit »Subway to Sally« an der Spitze haben am Freitag vor 1800 Besuchern in den Hessenhallen das Jahr auf wuchtige Weise bei einem fünfstündigen Konzert
19. Dezember 2016, 12:00 Uhr
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Von Christian Lademann
Lord of the Lost ist nur eine von vier schaurig-schönen Bands, die bei der »Eisheiligen Nacht« in den Hessenhallen 1800 Fans fünf Stunden lang zudröhnen. (Foto: chl)
Wenn bayrische Polka-Piraten, bleichgesichtige Samba-Rocker, zum Riverdance einladende Folk-Metal-Helvetier und schließlich düstere, Flammen werfende Mordsgeschichten-Erzähler die Bühne rocken, könnte man sich inmitten eines berauschenden Gelages skurriler Gesellen wähnen. Zugegeben, so manche akustischen und szenischen Auswüchse, die in der Hessenhalle herniederprasselten, lassen schnell dieses Bild entstehen. Und dazu gehörte, statt klischeehaft in schwarzer Montur nur düsteren und harten Klängen zu frönen, auch mit frohlockenden Seitenkicks, Spaß, Humor, weiten musikalischen Ausritten ebenso wie nachdenklichen Momenten gut fünf Stunden lang gemeinsam zu feiern. Die gastgebenden Mittelalter-Rocker »Subway to Sally« aus Potsdam hatten zu ihrer diesjährigen, mittlerweile achten »Eisheilige Nacht«-Runde (zum siebten Mal in Gießen) wie schon traditionell üblich weitere befreundete Acts eingeladen.
Mit freudiger Erwartung und in die Höhe gestreckten Fäusten empfing die treue Gefolgschaft zum Finale dann auch das Septett um Sänger und Frontmann Eric Fish, welche gewohnt eine bombastgeschwängerte, metal-stampfende wie textlich tiefgründige Show samt Pyrodonnerschlägen und Flammensäulen ablieferte. Zwar haben »Subway to Sally« seit zwei Jahren kein neues Songmaterial herausgebracht, dafür servierte der Headliner eine thematisch wohldosierte Auswahl aus Songs der vergangenen 20 Jahre. Vom 96er Album »Foppt den Dämon!« mit dem noch spielerisch-folkigen »Sag dem Teufel« bis hin zur den noch aktuellen »Mitgift – Mördergeschichten« wie »Grausame Schwester« war gewissermaßen ein roter Faden erkennbar: Meist thematisierten die lyrischen, düsteren Texte Mord und dunkle Seiten der Seele. Erstmals in Gießen dabei war Rockgeigerin Ally Storch (auch bekannt als »Ally the Fiddle«), welche die in diesem Jahr ausgeschiedene Violinistin Frau Schmitt ersetzt.
Auf ein folkiges Fundament setzte zuvor die Schweizer Band »Eluveitie«, nur dass die Formation um Mastermind Christian Glanzmann den Sound mit einem brachialen Death-Metal-Gewand umgarnt. Während Sänger Glanzmann mit derben gutturalem Timbre und die Band mit überdreht dröhnendem Gitarren- und Drum-Getöse bei Songs wie »King«, »The Uprising« oder »Inis Mona« davonpreschte, schien sich die Band in einem akustischen Set in eine fröhliche Touristenband von der grünen Insel zu verwandeln: In jedem Moment dachte man hier, würden gleich Tänzer von »Riverdance« oder »Lord of the Dance« dazustoßen.

Exotischer Voodoo-Kochtopf

Dagegen gaben sich die Hamburger »Lord of the Lost« wahrhaftig als bleichgesichtige, düstere Gesellen. Die Dark- und Goth-Rock-Band um Sänger Chris »The Lord« Harms gefielen mit ihren druckvollen, stampfenden, melodiösen Songs wie »Dry the Rain, »The Love of God« oder »Black Lolita«. Abseits ihrer straffen Beats schoben die Düstermänner wohl augenzwinkernd ihr im Latin-Samba-Rhythmus gehaltenes »La Bomba« nach, das gewiss in einem exotisch-umnebelten Voodoo-Kochtopf zusammengebraut worden sein dürfte.
Einen freudig-tänzerischen Auftakt, der das Publikum zu Beginn vergnüglich einstimmte, legte die Folkband »Vroudenspil« aus München auf ihre imaginären Piratenschiffplanken hin. Die musizierende Freibeutertruppe reicherte ihre aus Seemannsgarn und Klaubermannlyrik gestrickten Lieder wie »Wiedergänger«, »Vampirat« oder »Fauler Zauber« mit Folk, Polka- und Ska-Rhythmen sowie mit gewieften instrumentalen Ideen an. So steuerte Flötistin »Phyra, die Frau, die am Rad dreht« im Lied »Knochensack« markante Fetzen aus Paul Dukas‹ Tondichtung »Der Zauberlehrling« bei.


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