19. Mai 2017, 06:00 Uhr

Körperspende

Ihr erster Patient

Sie werden erst zwei Jahre nach ihrem Tod bestattet. Ihre Körper dienten in dieser Zeit Medizinstudenten zur Ausbildung. Warum kann die Medizin nicht auf »echte Leichen« verzichten?
19. Mai 2017, 06:00 Uhr
Studenten lernen im Präpariersaal – hier an der Uni Greifswald – wie der menschliche Körper beschaffen ist. (Foto: dpa)

Zwölf Leichen liegen auf den Metalltischen im Präparationssaal. Um jede schart sich eine Gruppe Studenten. Sie lernen in den ersten Semestern, wie die Körper beschaffen sind, dabei arbeiten sie sich schrittweise von außen nach innen vor. Wenn Medizinstudenten das erste Mal mit den Toten konfrontiert werden, ist ihnen meist ein bisschen mulmig. Was war das für ein Mensch, was für ein Leben hat er geführt? Der Inspektion, der Betrachtung des gesamten Körpers, folgt der erste Schnitt. Wie wird es sein, ein Skalpell durch die Haut zu führen? – »Wir haben eine große Verantwortung«, sagt Prof. Eveline Baumgart-Vogt, die Direktorin des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Universität. Den zukünftigen Ärzten gegenüber, die an diese Aufgabe behutsam herangeführt werden müssen, und den Körperspendern gegenüber, deren Würde man zu jeder Zeit wahre.

Respekt vor den Toten wichtig
Trotz der notwendigen medizinischen Routine werde den jungen Leuten stets der respektvolle Umgang mit den Toten vermittelt. Gleichzeitig müssen sie lernen, den Leichnam als leblosen Körper und Studienobjekt zu betrachten. »Es ist ihr erster Patient, und er verzeiht alles, dafür muss man sehr dankbar sein«. Kann man angesichts von Computerprogrammen und Modellen nicht auf die Körper verzichten? »Nein, auf gar keinen Fall«, sagt Prof. Monika Wimmer-Röll, die seit vielen Jahren am Institut für die Körperspenden zuständig ist. »Die Dreidimensionalität erschließt sich nur am echten Körper«. Jeder gute Arzt brauche diese Erfahrung. Um die hochkomplexe Struktur des menschlichen Körpers zu verstehen, müsse man ihn im wahrsten Sinne des Wortes begreifen, ergänzt Baumgart-Vogt. Man müsse ertasten, wie sich die Gewebe, Haut, Organe und Knochen anfühlten.

Jedes Jahr erklären sich in Gießen 30 bis 50 Menschen bereit, ihren Körper zur Verfügung zu stellen – wobei die Zahl derer, die pro Jahr tatsächlich ins Institut gelangen, natürlich nicht vorhersehbar ist. Die Spender müssen diesen letzten Willen handschriftlich niederlegen und von zwei Zeugen bestätigen lassen. Voraussetzung ist, dass der Spender älter als 60 Jahre alt ist. Jüngere kommen eher für eine Organspende in Frage. Zudem sollte er unter 100 Kilogramm wiegen – weil die Umlagerung und Präparation sonst zu schwer wäre und das Gewebe schlechter zu bearbeiten ist. Nicht in Frage kommen auch Körper mit krankhaften Veränderungen oder nach Operationen, da es um den normalen, unversehrten Zustand eines Körpers geht.

Essentiell für die Medizin
Ein großes Missverständnis ist für viele der eigentliche Zweck der Körperspende: Sie dient der Ausbildung von Medizinstudenten und der Fortbildung von Ärzten, nur indirekt der Wissenschaft. Die Vorstellung, nach dem Tod zur Erforschung unheilbarer Krankheiten beizutragen, trifft also nicht zu. Das schmälert aber nicht die Bedeutung. Baumgart-Vogt: »Sie sind essentiell für die Medizin«.

Die Einverständniserklärung kann jederzeit und ohne jede Begründung widerrufen werden. Entscheidend ist der freie Wille des Körperspenders. Völlig undenkbar und rechtlich ausgeschlossen ist es, dass Angehörige den Körper zur Verfügung stellen, um die Bestattungskosten zu sparen.

Hohe Beerdigungskosten sind aber durchaus ein Grund, sich für eine Körperspende zu entscheiden. Als 2004 das Sterbegeld der gesetzlichen Krankenkassen wegfiel, stieg die Zahl deutlich an.

Für Alleinstehende ohne Angehörige ist Körperspende oftmals eine Option, denn sie haben die Möglichkeit, der Medizin zu dienen und fallen nach dem Tod niemandem zur Last – was für viele alte Menschen eine quälende Sorge ist. Für Hinterbliebene ist es dagegen oft belastend, wenn sich Mutter oder Vater für eine Körperspende entscheiden. »Sie können erst zwei Jahre nach dem Tod Abschied nehmen, bei der Beerdigung bricht dann die Trauer noch einmal hervor«, weiß Baumgart-Vogt.

Anrührendes Zeremoniell

Ökumenische Trauerfeier

Die ökumenische Trauerfeier ist in jedem Jahr ein großes, anrührendes Zeremoniell. Über 400 Teilnehmer kommen auf den Friedhof, um der Körperspender zu gedenken. Den Studenten ist dieser Tag sehr wichtig, sie bereiten sich sorgfältig vor, berichtet Wimmer-Röll, die für die Organisation zuständig ist. Die angehenden Ärzte geben ihren ersten Patienten das letzte Geleit. Den Tag, als sie ihnen zum ersten Mal begegneten, werden sie nie wieder vergessen. Jeder, der seinen Körper nach seinem Ableben einem Anatomischen Institut zur Verfügung stellt, erweist der Ausbildung junger Ärzte und der Wissenschaft einen großen Dienst. Entsprechend dem Testament des Verstorbenen veranlasst das Institut für Anatomie und Zellbiologie der Universität Gießen die Feuerbestattung und Urnenbeisetzung. Die Beisetzung erfolgt auf einem dafür reservierten Urnenfeld auf dem Neuen Friedhof, das mit einem Gedenkstein versehen ist. Heute gibt es dort eine Trauerfeier, die von Studenten und Institutsmitarbeitern mitgestaltet wird.

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