16. Januar 2017, 21:08 Uhr

Ludwigstraße

Hymne auf die Kneipenmeile Ludwigstraßen-Song im Internet

Ihre Hymne auf die Kneipen und Bars in der Ludwigstraße macht die Hobbymusiker Helmut Weber und Gerd Weigand 1988 als Double You stadtbekannt. Eines Tages läuft Weber in London an einem großen Musikladen vorbei – und staunt: In der Auslage liegen Platten von Double You.
16. Januar 2017, 21:08 Uhr
Stefan_Schaal
Von Stefan Schaal
1981 treten Helmut Weber (r.) und Gerd Weigand alias Double You bei einem Schulfest derLiebigschule auf dem Schiffenberg auf. (Foto: pm)

Ein Knistern setzt ein, als die Nadel auf der Platte aufsetzt. Dann beginnt »Them ol’ Songs«: Ein Schlagzeug gibt den Vierviertel-Takt vor. Twist. Im Hintergrund klimpert ein Klavier. Und schließlich singt Helmut Weber mit jungenhafter Stimme über seine Leidenschaft für Rock’n’Roll. Und über seine Liebe zu den Kneipen in der Ludwigstraße. »Well here I am in Gießen city, aheadin’ for some crowded bars. Walkin’ down ol’ Ludwigstreet. Ascot, Andechs, Appletree.«

Fast 30 Jahre hat das Lied heute auf dem Buckel. Es ist die umgetextete Interpretation eines Country-Songs von Mickey Newbury. 1988 beschwört die heimische Band Double You so die Gießener Partymeile. Wer der Nummer heute lauscht, erinnert sich mit Wehmut an vergangene Zeiten, als sich in der Ludwigstraße an lauen Sommerabenden in den vielen Kneipen und Biergärten Einheimische, Studierende und Besucher drängten. »Abends durch die Ludwigstraße zu laufen war ein Ritual«, erzählt Weber. »Das war: The Seltersweg at night.«

1973 gründen Weber und Gerd Weigand die Gruppe. Ihre Nachnamen beginnen mit W. Also nennen sie sich Double You. Die Musik ist ihr Hobby. Weber arbeitet als Lehrer an der Liebigschule, Weigand als Strahlentechniker an der Universität. In der Freizeit treten sie auf Geburtstagen und Schulfesten auf und singen Oldies der 60er und 70er Jahre.

An der großen weiten Welt der Musikbranche wollen sie dennoch teilhaben. In London nehmen sie Platten in einem Studio auf und drehen Videos zu einigen Songs. Ihre erste Single heißt »White Sport Coat« – eine alte Nummer von Marty Robbins. »Wir haben 500 Stück pressen lassen«, erzählt Weber. Wenn er sich heute an frühere Auftritte erinnert, funkeln seine Augen. Anekdoten sprudeln aus ihm heraus. Immer wieder springt der 73-Jährige auf, kramt nach alten Fotos.

Einen zumindest lokalen Hit landet Double You schließlich mit dem Ludwigstraßen-Song »Them ol’ Songs«. Die Nummer schafft es sogar ins Radio. Die Freizeitmusiker werden zu Interviews eingeladen. »Kurz nach der Veröffentlichung hat Radio Hoffmann in der Plockstraße an einem Tag 96 Platten von uns verkauft. Wir waren die Nummer eins in Gießen«, erzählt Weber. Dann lacht er laut: »Auf Platz zwei war »Dirty Diana« von Michael Jackson.«

1000 Platten hat das Duo von »Them Ol’ Songs damals pressen lassen. »Das finale Abmischen fand in London statt«, erzählt Weber. »Aber das Studio, mit dem wir einen Termin vereinbart hatten, war ausgebucht.« Stattdessen findet sich ein Plätzchen im Terminkalender der Abbey Road Studios. Und so wird der Ludwigstraßen-Song an dem legendären Ort fertiggestellt, wo einst die Beatles neun ihrer zehn Scheiben aufgenommen haben.

Auf jede Platte hat Mixer Bob Whitney eine Nachricht gravieren lassen: »From Abbey Road to Ludwigstrasse«. »Das war unglaublich. Wir haben die Platte tatsächlich dort aufgenommen«, sagt Weber.

Er kann noch weitere Anekdoten erzählen: Die gerade gepressten Singles packt er damals in London in zwei Koffer. Am Flughafen wird er von Zollbeamten aufgefordert, die Taschen zu öffnen. Als die Beamten die Schallplatten sehen, schnappt sich jeder ein Exemplar. »Ich musste sogar Autogramme schreiben.«

Als Weber in Gießen ankommt, geht er vom Bahnhof aus direkt ins Ascot, mit den schweren Koffern voller Platten im Gepäck. »Ein Gast hat gleich angeboten, die Singles in der Ludwigstraße »hoch und runter« zu verkaufen.«

Einen gewissen Sammlerwert hat die Platten noch heute, insbesondere aufgrund des Covers. Für die Hülle von »Them Ol’ Songs« erschafft Illustrator Hans-Michael Kirstein ein Kunstwerk: Perfekt fängt er die damalige Atmosphäre in der Ludwigstraße ein: Die blaue Stunde ist angebrochen, aus den Kneipen dringt warmes Licht. Zu sehen sind Miljöö, Leierkasten, Heck-Meck und weitere Lokale. Der Geist von James Dean läuft über die Kneipenmeile, Elvis Presley steht vor dem Ascot, umringt von Frauen. Es gibt noch viele weitere Details.

Der größte kommerzielle Erfolg steht der Band Double You damals noch bevor – wenn auch nicht auf musikalischem Weg. Im Sommer 1992 ist Weber mit einer Schulklasse in London unterwegs, in der Oxford Street entdeckt er einen riesigen Musikladen. In den Schaufenstern liegen unzählige Platten – Platten von Double You. »Was ist denn hier los?«, wundert sich der Lehrer.

Freilich handelt es sich um keine Veröffentlichung des Gießener Duos. In dieser Zeit erobert das Lied »Please don’t go« die europäischen Charts. Es ist das Cover eines Klassikers der KC & The Sunshine Band – interpretiert von einer italienischen Dance-Formation, die sich auch Double You nennt.

Double You gibt es also doppelt? Die Gruppe aus Gießen ist aber wesentlich älter. Weber erstattet Anzeige. Sein Kompagnon Weigand verzichtet und zieht sich zurück. Ein jahrelanger Rechtsstreit kommt ins Rollen. Von Beginn an ist Weber allerdings klar: »Die italienische Gruppe war in aller Munde. Die wollten negative Presse vermeiden. Am Ende musste es darauf hinauslaufen, dass wir den Bandnamen abgeben, und sie uns entschädigen.«

Vor allem das erste Treffen mit Vertretern der Italiener in Gießen hat sich Weber ins Gedächtnis gebrannt. »Die haben 3000 DM geboten. Mein Anwalt war sauer. Er hat gesagt: Wenn er noch so ein unverschämtes Angebot hört, können sie ohne Pferd vom Hof reiten«, erzählt Weber. Um den Rechtsstreit zu gewinnen, muss Weber zwei Dinge nachweisen: Dass die Gießener noch immer Platten verkaufen. Und dass sie weiterhin auftreten. »Der Vorwurf war, dass wir nicht mehr am Markt sind.«

Tatsächlich ist Double You zu dem Zeitpunkt etwas eingeschlafen. Doch Weber gibt nicht nach. Radio Hoffmann. bestätigt, dass der Ludwigstraßen-Song noch etwa fünfmal im Monat über die Ladentheke geht. Das reicht. Ob sich die Platte millionenfach verkauft oder nur fünfmal, ist für den Rechtsstreit unwichtig. Dann nimmt er 1993 als Double You bei einem Musikwettbewerb im Biergarten der Zwibbel teil. Er singt »Livin’ Doll« und »Don’t be cruel« – und wird sogar auf den zweiten Platz gewählt. Auch dies lässt er sich bescheinigen. Und so kann Weber beweisen, dass Double You in Gießen noch am Leben ist – um kurz darauf den Namen endgültig abzutreten.

Die beiden Parteien einigen sich außergerichtlich. Wie viel Geld Weber am Ende dafür einstreicht, darf er laut Vereinbarung nicht verraten. Nur so viel: »Es war eine fünfstellige Summe«.

Der Ludwigstraßen-Song kann online auf der Homepage der Gießener Allgemeinen Zeitung (www.giessener-allgemeine.de) angehört werden. Im Jahre 2005 haben Gerd Weigand und Helmut Weber noch einmal eine CD mit Liedern von Fats Domino und Bonnie Tyler sowie mit Gedichtsvertonungen herausgebracht – aufgrund des Rechtsstreits allerdings nicht mehr unter dem Namen Double You. Vor elf Jahren hat Helmut Weber den alten Ludwigstraßen-Song noch mal für den DJ einer Kneipe zur Verfügung gestellt. Zum legendären Sommermärchen 2006 spielte der DJ das Stück beim Public Viewing in den Halbzeitpausen ab. Dabei trug Helmut Weber auch zusammen, wie sich die Kneipenlandschaft zwischen 1988 und 2006 in der Ludwigstraße verändert hat. Übrig geblieben sind heute nur noch der Apfelbaum, das Ascot und die kürzlich wiedereröffnete Zwibbel. Das Miljöö, das Heckmeck, Le Mans und der Palmengarten sind schon seit einiger Zeit Namen der Vergangenheit.



0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos