30. Dezember 2016, 18:38 Uhr

Hunger, Kälte, Hoffnung

Es ist die 160. und letzte Ausgabe im ersten Erscheinungsjahr der »Gießener Freien Presse«. Die schlichte Zeitung vom 31. Dezember 1946 zeigt eindrucksvoll, um was es in diesen schweren Zeiten ging – ums Überleben und die Hoffnung auf bessere Zeiten.
30. Dezember 2016, 18:38 Uhr
Vorgestern Abend im Stadttheater: Hunderte Besucher amüsieren sich im wohlig warmen Großen Saal beim »Weißen Rössl«. In der Pause gibt’s Wein, Sekt und Lachsbrötchen, und am Ende steckt fast jeder der gut gelaunten Besucher noch einen kleinen Schein oder ein paar Euro-Münzen in die Spendendose für die Erdbebenopfer auf Haiti. Vor 70 Jahren waren es die Gießener, die auf fremde Hilfe angewiesen waren. »Tausende hätten Hungers sterben müssen ohne die amerikanischen Besatzer«, sagt Gießens Oberbürgermeister Albin Mann in seiner Neujahrsbotschaft, die die »Gießener Freie Presse« in der Silvesterausgabe 1946 abdruckt.
Die letzte Ausgabe im ersten Erscheinungsjahr der damals einzigen Gießener Zeitung, aus der 20 Jahre später die »Gießener Allgemeine« wird, hat acht Seiten, kostet 20 Pfennig und bietet als besonderen Service einen Kalender für 1947. Auf den ersten Seiten dominiert die große Politik, es geht um Abrüstung, die Palästinafrage und Vietnam. In Berlin muss sich der berühmte Dirigent Wilhelm Furtwängler einem Entnazifizierungsgericht stellen.
Der Mangel dominiert die Berichte aus »Gießen und Hessen«. Es fehlt an allem: Lebensmittel, Brennstoff und auch Papier; die Tageszeitung erscheint nicht täglich. Das Schicksal der Kriegsgefangenen in Russland und die Flüchtlinge sind weitere bestimmende Themen. »Gebt unsere Gefangenen frei«, fordert OB Mann in seiner Neujahrsrede. Immerhin: Am Silvestertag werden pro Kopf 300 Gramm Fisch an neun Stellen im Stadtgebiet ausgegeben. Für Vorstellungen zwischen den Jahren reicht es im Stadttheater nicht, weil Brennstoff für die Heizung fehlt. Im »Lichtspielhaus« in der Bahnhofstraße läuft »Adoptiertes Glück« mit Eislauf-Star Sonja Henie. Im Landkreis wird ein älteres Ehepaar beim »Hamstern« erwischt. Die Vorräte werden mit »einigen Lastkraftwagen« abgefahren. »Die Angst, zu verhungern, war die Ursache für diese Großhamsterei«, heißt es in der Meldung.

Sorge um den Gießener Fußball

Auf der letzten Seite drängen sich Familien- und Kleinanzeigen. Aus ihnen spricht Hoffnung und Not. Über 30 Heirats-, Verlobungs- und Geburtsanzeigen enthält die letzte Ausgabe 1946, aber auch solche Hilferufe: »Flüchtlingsmutter sucht Federdecke für zwei kleine Kinder«. Andere wollen Skier, Badewanne oder Musikinstrumente gegen »Lebensnotwendiges« tauschen, wieder andere suchen noch immer nach ihren Liebsten, die der Krieg verschluckt hat. »Achtung, heimkehrende Soldaten aus dem Osten! Wer kann Auskunft geben über meinen Mann, den Unteroffizier Richard Mack?«, fragt eine Frau aus Hochelheim.
Der Hunger ist groß – auch nach Informationen, nach Kultur- und Sportveranstaltungen. 2000 Zuschauer sehen bei Temperaturen um null Grad, wie der VfB sein Heimspiel gegen Eintracht Wetzlar in der Landesliga Nord mit 2:4 verliert. Manche Debatte klingt vertraut: »Die schwankende Form der Gießener Fußballvereine hat bei vielen Anhängern den Wunsch wachgerufen, einen Zusammenschluss herbeizuführen«, heißt es unter der Überschrift »Silvesterwunsch der Gießener Sportfreunde«. Es wird genau noch zehn Jahre dauern, bis es zur kleinen Fusion zwischen dem VfB und der Spvgg 1900 kommt.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Abrüstung
  • Erdbebenopfer
  • Fußballvereine
  • Kleinanzeigen
  • Kriegsgefangene
  • Musikinstrumente
  • Unteroffiziere
  • Wilhelm
  • Wilhelm Furtwängler
  • Zeitungen
  • Burkhard Möller
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen