17. April 2019, 21:32 Uhr

Homöopathie der Klänge

Moritz Eggert ist als Dirigent immer für eine Überraschung gut. Das Multitalent sorgt beim Sinfoniekonzert im Stadttheater für Überlänge. Substanz und gute Laune inklusive.
17. April 2019, 21:32 Uhr
Marke Gentleman: Moritz Eggert, ein Künstler der besonderen Art. (Agenturfoto)

Es sirrt und flirrt. Es rumort und zischt. Vierteltöne gleiten wie auf einer Rutschbahn aus den Hörnern ins Auditorium, das fiepende Flageolett der Violinen entlädt sich als Globuli-Kullern im Meer der Töne und geigt den Besuchern die Nerven. Doch am Ende, nach reichlich zweieinhalb Stunden, ist alles halb so wild, wirkt die Rezeptur der Moderne moderat misstönig und die Spätromantik erfrischend tonal. Es ist eine Homöopathie der Klänge, die Dirigent und Komponist Moritz Eggert am Dienstag beim Sinfoniekonzert im Stadttheater dem Publikum kredenzt.

Das musikalische Multitalent moderiert die Stücke humorvoll an und verschafft so dem Zuhörer Einblick in die Materie und in sein engstes Umfeld. Eggert setzt am Abend auf Meister, die ihn bis heute beeinflussen. Etwa seinen Lehrer Wilhelm Killmayer (1927 – 2017), dessen »Nachtgedanken« durchgängig Triolen auf dem Marimbafon bieten (punktgenau zelebriert von Schlagwerker Joachim Michelmann) und darüber Klänge schichten nach Art eines süßsauren Drops. Das schmeckt nicht jedem, hat aber in seiner Konsequenz, der diffizilen Reise ins Unbewusste, Substanz. Das gilt auch für das ähnlich alternativmedizinisch wirkende »Geheime Wort« des Franken Claus Kühnl (Jahrgang 1957), der den Musikschüler Eggert (Jahrgang 1965) seinerzeit an den Münchner Killmayer vermittelte.

Die Ballettmusik »Relache« (zu Deutsch: entfällt, was bei der Uraufführung tatsächlich geschah, da ein Tänzer erkrankt war) des französischen Schlitzohrs Erik Satie (1866 – 1925) drapiert Eggert zweigeteilt um die Stücke der beiden deutschen Tonsetzer als eine Art Rahmenmedikament. Das funktioniert nur bedingt, da Satie, der Meister des Minimalismus, hier durch allerlei Stile pendelt, was als Nebenwirkung leichte Ermüdungserscheinungen mit sich bringt. Davon ist der Dirigent weit entfernt. Er führt das konzentriert aufspielende Philharmonische Orchester Gießen impulsiv und mit großen Gesten. Eggert widmet den Satie der Kirche Notre-Dame in Paris und würdigt die Kathedrale nach dem verheerenden Brand als »Heimat der abendländischen Musik«.

Nach der Pause Hans Werner Henze (1926 – 2012). Der Alleskönner und Druide unter den zeitgenössischen Komponisten lädt in seinem »Fandango sopra un basso de Padre Soler« zum Soundsymposium ein. Wegen der grundtonlosen Struktur ist sein Zaubertrank schwer verdaulich, verfügt aber über große Rauschwirkung. Im Anschluss lässt Eggert die Originalversion der »Nacht auf dem kahlen Berge« des Russen Modest Mussorgski (1839 – 1881) musizieren. Die Hexennacht aus der slawischen Mythologie klingt auch deshalb so frisch und impulsiv, weil sich die Tonika im Gehörgang wieder manifestiert und die Droge Musik, trotz hörbarer Exzesse, nachvollziehbar macht. Zum Abschluss eine Arbeit des Dirigenten, der »Puls« des Lebens. Eggert betont dabei den Beat, lässt das Herz internistisch pochen, wird körperlich, suggestiv und hoch emotional, ehe am Ende die Ekstase in einer vom Blech simulierten Beatmungsmaschine ihr Leben aushaucht. Langer, intensiver Applaus vom Publikum. Beim nächsten Konzert dann wieder Schulmedizin.

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