01. Mai 2017, 18:28 Uhr

Hommage an einen Scharfzüngigen

01. Mai 2017, 18:28 Uhr
Matthias Beltz

Das taT war bis zum allerletzten Platz gefüllt als Intendantin Catherine Miville die Besucher mit den Worten begrüßte »Ich nehme an, fast alle Anwesenden kannten Matthias Beltz.« Altersmäßig kam das vermutlich hin, zumindest von seinen Bühnen- und Fernseh-Auftritten dürften die meisten den »scharfzüngigsten Kabarettisten dieser Republik« gekannt haben. Miville erklärte, dass sie ohne Matthias Beltz wohl nicht nach Gießen gekommen wäre.

Als sie vor gut 15 Jahren die Ausschreibung für die Intendantenstelle las, war sie in München bei der Lach- und Schießgesellschaft. Das einzige, was sie von Gießen wusste, war, dass Matthias Beltz aus der Stadt stammte. Also fragte sie telefonisch bei ihm nach, wie das Theater hier sei. Er habe es unter verschiedenen Aspekten gelobt und berichtet, dass man ihn für die Rolle des Polizisten Frosch in der Oper »Die Fledermaus« geholt habe (1996); das Publikum habe das begeistert aufgenommen. Diese Auskunft gab den Ausschlag für Mivilles Bewerbung.

Die Texte für die aktuelle Lesung »Ausgewählte Untertreibungen« hat Beltz‹ Witwe und Nachlassverwalterin Christiane Meyer-Thoss bestimmt, die an diesem Abend auch ins taT gekommen war. Christoph Pütthoff, Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt, versuchte erst gar nicht den Duktus und die Redegeschwindigkeit von Matthias Beltz nachzuahmen oder gar als misanthropischer Hausmeister aufzutreten. Die Texte sprechen für sich. Pütthoff hat seine eigene Interpretationsweise gefunden, sprachlich klar und gestisch treffsicher. Ein wenig Atemlosigkeit war immerhin dabei, da die verschiedenen Texte ohne Zwischenpausen vorgetragen wurden, zwar mit Jahresangabe, doch ohne erkennbare Chronologie.

Seine prägende Lebenserfahrung als Oberhesse hat Matthias Beltz (1945-2002) mit seiner Publikation »Schlammbeißers Weltgefühl« (1995) öffentlich gemacht. Diese kam auch in der Lesung mehrfach zum Tragen, Schmunzeln immer garantiert. So hatte er als »kleiner Durchblicker« von elf Jahren eine konkrete Vorstellung vom »Eisernen Vorhang«, dank des Vorhangs im Stadttheater. Sein Jurastudium habe ihn zum Rechtsanwalt, also zum Anwalt der kleinen Leute gemacht, nicht zum Anwalt des Staates. Seine Rechtsberatung für den römischen Statthalter Pilatus hätte das Christentum verhindert, das ist nur eine von Beltz’ staunenswerten Thesen.

Beltz wunderte sich über sprachliche Ungereimtheiten und bezeichnet Politik als Glaubenssache. »Kabarett ist die heutige Wirklichkeit«, lautete sein Statement. So philosophierte er sich durch das tagespolitische Geschehen, erweist sich dabei als Kenner von Geschichte, Christentum und antiken Mythen. Er vergleicht die Ostermarschierer mit der Wandervogelbewegung, bezeichnet seine Wahlheimatstadt Frankfurt als den »coolsten Friedhof Europas«. Folgerichtig wurde der Propagandist von »Liberté, Egalité, Varieté« dort zum Mitbegründer des Varietés »Tigerpalast«. Und Matthias Beltz war ein begnadeter Poet, auch das war auf neue Weise zu hören.

Die Angst vor der Demokratie

Wie gern hätte man seine scharfsinnigen Analysen zur heutigen Zeit gehört, in der Politik sich in ungeahnte Absurditäten versteigt. Der letzte Abschnitt seines Schlammbeißer-Tagebuchs gilt heute unverändert: »Denn die Angst vor der Demokratie ist ja in erster Linie die Angst, aus eigener Kraft keinen persönlich angemessenen Ort zu finden in dieser wirren Welt. Ziel und Zweck einer Revolution ohne politische Machtergreifung also ist die Abschaffung der Angst vor der Demokratie. Und dazu bedarf es der Leidenschaft für Freiheit, Souveränität und Barmherzigkeit.« (Foto: Archiv)

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