06. Mai 2016, 18:23 Uhr

Hinter den Kulissen des Schockraums der Uniklinik

Gießen (srs). Jeder Handgriff muss sitzen: Im Schockraum der Uniklinik landen jährlich 500 schwer verletzte Patienten, nachdem sie per Hubschrauber oder im Rettungswagen eingeliefert worden sind. Ihren Weg vom Landeplatz bis zum OP-Saal hat die Gießener Allgemeine Zeitung nachverfolgt.
06. Mai 2016, 18:23 Uhr
(Foto: Stefan Schaal)

Still und menschenleer ist es im Schockraum des Uniklinikums. Plötzlich aber kehrt Bewegung ein. »In einer Minute landet der Hubschrauber«, ruft ein Arzt. Der Patient soll ein zweijähriges Kind sein. Für den Schockraum steht immer ein elfköpfiges Team bereit. Sechs Ärzte und fünf Pflegekräfte laufen jetzt im Raum umher. Sie legen Matten auf den Behandlungstisch, überprüfen das Ultraschallgerät, ziehen sich Röntgenschürzen über. Am Ende stellen sie sich wie Soldaten in einer Reihe hinter dem Behandlungstisch auf und blicken zur offenen Tür. In wenigen Momenten wird ein Notarzt den Patienten in den Raum schieben.

Oben auf dem Dach landet unterdessen ein Rettungshelikopter. Ärzte und Pfleger hieven den Verletzten auf eine Liege, eilen zum Aufzug, der für alle anderen Fahrten blockiert ist. Vom vierten Stock geht es ins Erdgeschoss, nach wenigen Sekunden liegt der Patient im Schockraum. »Bis vor vier Jahren sind die Hubschrauber auf der Anatomie gelandet«, berichtet Prof. Gabor Szalay. »Wir mussten Patienten erst nochmal in einen Rettungswagen schieben und dann zum Schockraum fahren. Da haben Notärzte häufig den Kopf geschüttelt.«

Der Schockraum im Neubau des Uniklinikums: Hier landen schwer verletzte Patienten zuerst, nachdem sie ein Rettungswagen oder ein Hubschrauber eingeliefert hat.In der Mitte steht ein mintgrünes Bullauge. Zur Zierde steht es hier allerdings nicht. Es ist ein Computertomograf. Vor und hinter dem Gerät befinden sich zwei völlig identische Räume – die allerdings spiegelverkehrt aneinander liegen. Jede Schublade, jedes medizinische Instrument hat ein Ebenbild auf der anderen Seite. Ärzte können sich sofort orientieren. Denn hier zählt jeder Handgriff. Identisch sind auch die Schienen im Boden verlegt, auf denen der Tomograf in beide Räume fahren kann – über den jeweiligen Behandlungstisch.

500 schwer verletzte Patienten versorgt das Uniklinikum jedes Jahr in einem der fünf Schockräume. Ihren Weg vom Hubschrauberlandeplatz bis zum Operationssaal war am Dienstag Teil eines Audits zur Zertifizierung des Klinikums als »überregionales Traumazentrum«.

Liegt der Patient auf dem Behandlungstisch, schlägt der Moment der sechs Ärzte und fünf Pfleger. Ein Neurochirurg untersucht den Kopf des Schwerverletzten, ein Radiologe röntgt Arme und Beine, ein anderer Chirurg inspiziert den Bauch per Ultraschall. Alles gleichzeitig. Ist zum Beispiel die Milz des Patienten verletzt, wird er sofort in den Operationssaal ein Stockwerk darunter gebracht. Scherzhaft warnt vor der Tür zum OP ein Schild: »Kein Zutritt für Vertreter.«

Kurz darauf ist der Schockraum wieder menschenleer. Eine Putzkraft beginnt, die Geräte zu reinigen.

Auch für Patienten mit ansteckenden Krankheiten sei man gewappnet, erklärt Martin Heinrich, Assistenzarzt der Unfallchirurgie. Meistens weiche man dann auf einen seltener genutzten Schockraum aus. Selbst auf Ebola-Kranke sei man vorbereitet. Gab es hier schon mal einen Ebola-Fall? »Nein«, schmunzelt Heinrich. »Gut, dass der Flughafen in Frankfurt ist.«

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