05. März 2018, 22:41 Uhr

Hinein in die Schatzkammer

05. März 2018, 22:41 Uhr
SUE
Gudrun Biemer-Mansouri interessiert sich für die Veränderungen in ihrer Heimatstadt. Mit ihrer Mutter hat sie dank der Hilfe von Ludwig Brakes Team ausfindig gemacht, wer vor ihr in ihrem Wohnhaus in der Licher Straße seit 1927 gemeldet war. (Foto: sue)

Ludwig Brake ist so etwas wie Gießens Herr der Akten. In seinem Reich wimmelt es von alten handschriftlichen Notizen, vergilbten Karteikarten, großformatigen Stadtplänen und so manch anderen Kuriositäten. Seit 1991 leitet der Mann mit dem klaren Blick hinter seiner Brille das Gießener Stadtarchiv in Person. Am Samstag führte Brake zum Tag des Archivs rund 35 Besucher in seine Schatzkammer in den Katakomben des Stadthauses und erzählte nebenbei so manche Anekdote.

»Alles, was wir hier haben, sind Unikate«, schickt er voraus: Sie zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist die wichtigste Aufgabe des vierköpfigen Teams. Wer sich den Weg in den vierten Stock des Stadthauses bahnt, ist bei Brake und seinen Mitarbeitern in guten Händen. Oft sind es Wissenschaftler, aber auch Privatleute, die sich für die Geschichte Gießens interessieren und nach bestimmten Informationen suchen: Wann wurde in der Stadt wo gebaut? Was geschah in der Stadt vor 100 oder 200 Jahren? Um diese Fragen zu beantworten, bahnt das Team den Besuchern den Weg durch den 1500 Regalmeter umfassenden Aktendschungel und vertraut beim Aufstöbern der richtigen Unterlagen seiner Spürnase.

Als Einstieg einer Recherche dient meist die Suche am PC, der im Leseraum allen offensteht. »Wir raten unseren Besuchern, sich vorab anzukündigen, dann können wir gezielter helfen«, erklärt Brake. Dabei gehen viele Anfragen heutzutage per E-Mail ein. »Oft können wir die gewünschten Dokumente dann scannen oder kopieren und verschicken.«

700 bis 800 Besucher kommen im Jahr ins Archiv. Kosten entstehen nur, wenn Kopien bezahlt oder beglaubigte Urkunden aus Registern herausgegeben werden. Die Nutzung an sich steht aber jedem kostenlos zur Verfügung, egal ob Gießener oder nicht.

Am Tag der offenen Tür zeigte der Archivar sein Allerheiligstes: Einen der Räume im 1200 qm großen Keller, in dem Akten, Karten und Kuriositäten wie ein Bombensplitter aus dem Zweiten Weltkrieg lagern. Geschützt durch schwere Eisentüren und tief im Keller des neuen Stadthauses vergraben, lagern in Rollregalen und Eisenschränken kleine Schätze. Das älteste Dokument der Stadt wird in einem extra dicken und feuerbeständigen Eisenspint mit separatem Schließfach aufbewahrt. Es ist eine kleine bräunliche an einer Seite zerfledderte Urkunde in gothisch-kursiver Schrift, in der Landgraf Otto im Jahr 1325 der Gießener Neustadt dieselben Rechte zubilligt wie der Altstadt, geschrieben in altem Latein.

»Den ganzen Text konnten wir nur rekonstruieren, weil es im Darmstädter Archiv eine Abschrift gibt«, erklärt Brake. Da Gießen zunächst eine vergleichsweise arme Stadt war, fielen viele alte Dokumente, besonders aus dem Mittelalter, Bränden oder dem Schlendrian zum Opfer. Brake zeigt neuere Dokumente: Etwa den Gebäudeplan des alten Spritzenhauses am Brandplatz von 1893, das beim Luftangriff im Dezember 1944 zerstört wurde. Oder die nie realisierten Planungen des Baudirektors Wilhelm Gravert aus dem Jahr 1942, der den Bahnhof wohl untertunneln wollte.

Sein kuriosester Fund: »Das Brötchen von Rödgen« – ein Fleischkäsebrötchen, das er in einem Tresor in der Rödgener Verwaltung fand, als diese ihre Akten an Gießen übergaben: »Es war nicht verschimmelt nur steinhart getrocknet, die Einbissstelle noch gut sichtbar«, lacht Brake.

Ihn zeichnet aus, dass er die Informationen, die zwischen den Pappdeckeln schlummern, wie ein Schwamm aufsaugt und daraus Geschichten und Geschichte puzzelt. Einen speziellen Fall kolportiert er: Eine Forscherin suchte in Gießen nach Dokumenten zu Schwarzafrikanern in Deutschland. Zufällig hörte ein anderer Archivbesucher mit und konnte mit einem Schulfoto dienen, das zum Ausgangspunkt für ihre Recherche wurde. Sie konnte mit Brakes Hilfe den Mann als Hochstapler entlarven und seinen Sohn in Frankreich ausfindig machen. So ist Ludwig Brake Herr über Akten, aber auch der Hüter des Gießener Gedächtnisses.



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