Stadt Gießen

Hilfe für Flüchtlinge mit Handicap

Zehn bis 15 Prozent aller Flüchtlinge haben eine Behinderung. Hinter diesen Zahlen stecken schockierende Schicksale. Ein Projekt der Lebenshilfe leistet bundesweit Pionierarbeit.
04. März 2019, 14:00 Uhr
Christine Steines
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Smira Kaznawy im Gespräch mit einer behinderten Geflüchteten. (Foto: Schepp)

Er wurde aus seiner Familie entführt und in ein Krankenhaus verschleppt. Die Kidnapper hatten es auf die Organe des jungen Mannes abgesehen, der geistig behindert und blind ist. Man wollte ihm Lunge und Nieren entnehmen. Das Leben eines behinderten Menschen zählt nicht viel in Afghanistan. »Man betrachtete ihn wie ein lebendiges Ersatzteillager«, sagt Lebenshilfe-Geschäftsführer Dirk Oßwald. Kurz vor dem Eingriff gelang es der Familie, ihr Kind frei zu kaufen. Sie lieh sich Geld und flüchtete nach Deutschland. Was sich anhört wie ein Krimi, ist schockierende Realität. »Afghanistan hat kein funktionierendes Rechtssystem, wir gehen davon aus, dass dies kein Einzelfall ist«, erklärt Smira Kaznawy. Die Eltern der 30-Jährigen stammen ebenfalls aus Afghanistan, sie selbst ist in Deutschland aufgewachsen und hat Erziehungswissenschaften studiert. Gemeinsam mit Hakim Rasho, der 2015 mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet ist, kümmert sie sich um die Klienten der Koordinationsstelle Migration und Behinderung der Lebenshilfe. Diese Stelle gibt es seit Anfang 2018, sie ist den ambulanten Diensten der Vereinigung zugeordnet. Finanziert wird sie für drei Jahre von der Aktion Mensch. Schnell stellte sich heraus, dass der Bedarf viel größer ist als die vorhandenen Kapazitäten der beiden Mitarbeiter. Es gibt bereits eine Warteliste.

 

Es gibt eine Warteliste

Die Lebenshilfe leistet mit der Koordinationsstelle bundesweit Pionierarbeit, schildert Martina Ertel, die das Projekt auf den Weg gebracht hat. Immer wieder, sagt die langjährige Leiterin der Frühförderstelle der Lebenshilfe, habe es ab 2015 Nachfragen aus der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (HEAE) und aus Flüchtlingsfachstellen gegeben. Dort habe man eine hohe Zahl an behinderten Menschen registriert, konnte aber deren Bedürfnissen nicht gerecht werden. Auch die Frühförderstelle kann das nicht: Sie ist für Kinder bis zur Einschulung zuständig. Die behinderten Flüchtlinge sind aber keineswegs immer Kinder, vielmehr handelt es sich um eine heterogene Gruppe: Geistig behinderte Kinder und Erwachsene, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder körperlichen Handicaps, die oft, aber nicht immer Kriegsfolgen sind. Gemeinsam haben fast alle, dass sie durch den Terror, Krieg und Flucht traumatisiert sind, ergänzt Kaznawy.

 

Rechtlicher Status egal

Die Lebenshilfe Gießen wurde auch deshalb um Rat gefragt, weil sie offen für neue Wege ist. Da es noch kein Konzept gab, an dem man sich orientieren konnte, erarbeiteten die Experten vor Ort selbst eines. Heute hat die Koordinationsstelle beratenden Charakter, die Mitarbeiter fungieren als Lotsen, die ihre Klienten mit den Menschen und Stellen zusammenbringen, die ihnen weiterhelfen können. Einige der behinderten Flüchtlinge besuchen heute die Tagesförderstätte der Lebenshilfe oder machen erste Erfahrungen in verschiedenen Tätigkeitsbereichen des Kompetenzzentrums der Einrichtung. Die enge Kooperation mit ganz unterschiedlichen karitativen Trägern und Behörden aus den Bereichen Bildung, Soziales und Gesundheit sorgt dafür, dass vielfältige Unterstützungsmöglichkeiten genutzt werden. Der rechtliche Status der Geflüchteten spielt bei der Beratung keine Rolle, betont Ertel. Die unsichere Situation erschwert die Arbeit mit den Familien jedoch in vielen Fällen. Eine längere Begleitung können die Lebenshilfe-Mitarbeiter nicht leisten – die wäre jedoch dringend nötig. Sorgen macht dem Team auch die Wohnsituation. Wohnraum ist knapp, barrierefreie Wohnungen aber erst recht Mangelware.

 

Im Heimatland versteckt

Die meisten der behinderten Migranten kommen aus Afghanistan und Syrien. Die Einstellung, die man dort behinderten Menschen gegenüber hat, ähnelt jener bei uns in den 50er und 60er Jahren, beschreibt Ertel: Behinderte Angehörige werden innerhalb der Familie versorgt und nach außen abgeschottet, oftmals wird ihre Existenz als göttliche Strafe empfunden. Es gibt so gut wie keine medizinische Versorgung oder gar Förderung. In der Gesellschaft erfahren Behinderte keinerlei Wertschätzung; dass Eltern behinderter Kinder hierzulande für Inklusion und das Recht auf Teilhabe kämpfen, ist ihnen unbekannt. In Syrien ist die Situation fortschrittlicher als in Afghanistan, doch auch dort gibt es ein gewisses Maß an Akzeptanz nur in größeren Städten.

Dass in Deutschland behinderte Menschen in Wohngemeinschaften außerhalb der Familie leben, dass sie zur Schule gehen oder arbeiten, ist den Geflüchteten höchst suspekt. Die Eingliederung gestaltet sich daher oft schwierig. Auch geistern Bilder von Nazi-Deutschland mit seiner Euthanasie-Vergangenheit durch die Köpfe. Vor kurzem kursierte ein Gerücht bei den Klienten, demzufolge den Behinderten in den Tagesstätten Spritzen verabreicht würden, die zum Tode führen, berichtet Rasho. »Die Angehörigen waren außer sich vor Sorge«. Ertel: »Die Erfahrungen mit staatlicher Willkür und Terror tragen zusätzlich zu tiefer Verunsicherung bei«.

 

Viele Unwägbarkeiten

Die Situation in der neuen Welt ist für die Behinderten und ihre Familien extrem schwierig. In der alten Heimat hatten sie keine Zukunft. Ob sie hier eine haben, ist ungewiss. Es gibt viele Unwägbarkeiten. »Ich schaue in so viele traurige Augen«, sagt Kaznawy. Zum Glück gibt es auch Lichtblicke. Kürzlich haben sie die Mutter eines behinderten Sohnes zum ersten Mal lächeln sehen. Der junge Mann besucht jetzt eine Tagesstätte – ohne sie. Sie hat nach vielen Jahren symbiotischer Fürsorge etwas Zeit für sich und für ihren Sprachkurs. »Da war plötzlich so ein Leuchten«, sagt Rasho.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Hilfe-fuer-Fluechtlinge-mit-Handicap;art71,559456

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