21. November 2013, 17:38 Uhr

Hilde Schramm und ihre jüdische Lehrerin Dora Lux

Die Arbeitsstelle Holocaustliteratur holte Zeitzeugin Hilde Schramm in die Universitätsbibliothek, die Einblick in die bemerkenswerte Biografie ihrer jüdischen Lehrerin Dora Lux gab.
21. November 2013, 17:38 Uhr
Hilde Schramm gibt Einblick in die bemerkenswerte Biografie einer jüdischen Lehrerin der Nachkriegszeit. (ali)

Dora Lux (1882 - 1959) gehört zu den ersten Abiturientinnen in Deutschland und trug maßgeblich zur Emanzipation der Frau in der Wissenschaft bei. Hilde Schramm, 1936 in Berlin geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik, Soziologie, Latein und Erziehungswissenschaft und engagiert sich seit Jahrzehnten für die Opfer des Nationalsozialismus. An dem in der Nachkriegszeit geschätzten Elisabeth-von-Thadden-Gymnasium trafen die beiden aufeinander: Schramm wurde im Fach Geschichte von Herbst 1953 bis zum Abitur an Ostern 1955 von ihrer Lehrerin Dr. Dora Lux unterrichtet – zwei Jahre, die die junge Schülerin von damals nachhaltig beeinflussten. In der Biografie »Meine Lehrerin Dr. Dora Lux« schildert sie einfühlsam das Leben einer jüdischen Frau, die sich von äußeren Umständen nicht hat unterkriegen lassen.

Im Gegenteil. Als Schramm und Lux aufeinandertreffen, ist Lux bereits 72 Jahre alt, als eine gebrechliche und unscheinbare Frau mit leiser Stimme hat Schramm sie in Erinnerung. In ihrem Unterricht legt sie ihren Schülerinnen selbstständiges Denken und Hinterfragen nahe. Schramm berichtet, sie habe zuvor nichts vom »Kommunistischen Manifest« gewusst, das änderte sich mit ihrer Lehrerin.

Dora Lux wird als Dora Bieber geboren, hat vier Geschwister und wächst auf dem Land auf. Ihr Vater, immer bemüht, seine Familie durchzubringen, ist ein »Selfmademan«, der sich ungern unterordnet, was die Familie oft in finanzielle Schwierigkeiten bringt. Sein unabhängiges Denken führt dazu, dass er seine Töchter auch mal mit etwas zu kurzen Röcken auf die Straße schickt, er trotzt bewusst der konventionellen Mädchenrolle der Zeit. Die Erziehung ihres Vaters und die persönlichen Erfahrungen aus Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Diktatur machen Dora Bieber zu einer mutigen Frau, die unglaublich reflektiert und couragiert ihr eigenes Leben angeht – nicht selbstverständlich. Nach dem Abitur folgt das Studium, sie heiratet den Sozialdemokraten Heinrich Lux und bekommt mit ihm zwei Kinder – für eine Frau im Schuldienst ein Tabu. Während des Nationalsozialismus meldet sie sich nicht als Jüdin und veröffentlicht regimekritische Artikel. Das Besondere: Lux lebt ihr selbstbestimmtes Leben öffentlich und geht damit ein hohes Risiko ein.

»Aus Zuneigung und Respekt« sei diese Biografie entstanden, begründet Schramm den gut 40 jungen und alten Zuhörern ihre schriftstellerische Intention bei der Lesung auf Einladung der Arbeitsstelle Holocaustliteratur. Fünf Jahre lang hat sie dafür recherchiert, Lux’ Enkelinnen haben ihr dabei geholfen. Doch die Autorin hat das Leben ihrer Lehrerin nicht erforscht, sie hat es zu ihrer eigenen Sache gemacht. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass sie selbst Tochter des NS-Architekten und Rüstungsministers Albert Speer ist, der übrigens damals zustimmte, dass seine Tochter auf einem Gymnasium Abitur macht, das nach einer Widerstandskämpferin benannt ist. Anna Lischper



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