07. September 2019, 10:00 Uhr

Bahoz-Prozess

Hiebe, Hackfleisch, Hämatome, Haustyrann

Plädoyer-Start im Prozess gegen sechs Bahoz-Mitglieder, die in einer Bar in Gießens Weststadt andere Männer schwer misshandelt haben sollen. Dem Hauptangeklagten droht langjährige Haft.
07. September 2019, 10:00 Uhr
In dieser Bar an der Rodheimer Straße haben sich im November brutale Gewaltszenen abgespielt. (Foto: khn)

Die technische Sprache in Gerichtssälen hat durchaus ihren Sinn. Kaum fassbare Taten können und sollen so begreifbar gemacht werden. Nur kann diese Sprache den Blick auf die Ereignisse verstellen. Beim Prozess vor dem Landgericht Gießen gegen sechs Männer, die im November in einer Weststadtbar sieben Opfer mit Schlägen, Tritten, Bambusstangen, einer Rohrzange und einem Hammer gefoltert und einem Opfer ins Bein geschossen haben, war immer wieder von Hämatomen die Rede. In seinem Plädoyer machte Staatsanwalt Rouven Spieler deutlich, worum es sich dabei konkret handelte: »Der Rücken des Opfers sah mehr nach gemischtem Hack als nach dem eines Menschen aus.« Damit brachte er die Rohheit und Rücksichtlosigkeit der Misshandlungen auf den Punkt, die in der Bar an der Rodheimer Straße stattfanden.

Spieler stieg mit einem Bekenntnis ein: Dass die Beweisaufnahme derart mühsam war, habe er beim Prozessauftakt im Mai nicht erwartet. Das lag zum einen an dem Milieu, in dem sich Angeklagte und Opfer bewegt haben. Spieler nannte es ein »Parallelmilieu«, in dem es an Respekt vor Polizei und Justiz fehle und Selbstjustiz üblich sei. Hinzu kam: Opfer wie der Hauptbelastungszeuge machten »vogelwilde Aussagen« mit 180-Grad-Wendungen. Sie widersprachen sich oder konnten sich wenig glaubhaft an nichts mehr erinnern. Außerdem waren die Ereignisse an den zwei Novembertagen derart dynamisch abgelaufen, dass kaum mehr gesagt werden könne, wer wann wenn geschlagen hat, betonte Spieler.

Für die Staatsanwaltschaft erwies es sich als Glücksfall, dass drei Angeklagte Geständnisse ablegten, von denen zwei Einlassungen umfassend waren. Mit Hilfe weiterer Zeugenaussagen zeichnete Spieler das Bild einer Gruppe mit einer strengen Hierarchie und einem fragwürdigen Ehrenkodex. Die Männer folgtem ihrem Chef - teilweise widerwillig. Spieler erinnerte die Konstellation an einen Haustyrannen oder an politische Tyrannen: »Die Mehrheit will es eigentlich nicht, aber sie setzt es trotzdem um.«

Den 35 Jahre alten Boss der Gruppe sieht Spieler als Haupttäter. Er habe unter dem Einfluss einer kokainbedingten Psychose eine Verschwörung gegen sich gewittert. Das Komplott sei nicht nachweisbar, betonte der Staatsanwalt, aber in solchen Kreisen keine allzu abwegige Vorstellung. Mit den Taten habe der Biebertaler die Verschwörung aufdecken wollen. Pikant: Erst 2017 war der Kurde wegen Freiheitsberaubung und gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Seine zweite Chance, sagte Spieler, habe er nicht genutzt. Vielmehr habe er gezeigt, dass er rohe Gewalt als eine Form der Konfliktlösung verstehe. Für ihn fordert der Staatsanwalt eine Gesamtstrafe von neun Jahren wegen Geiselnahme, gefährlicher Körperverletzung und versuchter schwerer Körperverletzung. Außerdem soll der Biebertaler in einer Entziehungsanstalt eingewiesen werden.

Innerer Widerstand

Für einen weiteren Angeklagten fordert Spieler wegen gefährlicher Körperverletzung und Beihilfe zur Geiselnahme drei Jahre und sieben Monate Haft. Er habe als Mittäter zwar ein Geständnis abgelegt, dabei aber seine Rolle bei den Gewalttaten beschönigt. Außerdem hatte der 29-Jährige mit der Beteiligung gegen seine Bewährung verstoßen. Spieler: »Das zeigt seine Einstellung.«

Nichts beschönigt hatten ein 35 Jahre alter Mazedonier sowie die 29 Jahre alte »rechte Hand« des »großen Bruders«. Bei ihnen unterstrich Spieler den »inneren Widerstand«, den sie beim Umsetzen der Anweisungen des Biebertalers empfunden hätten. Positiv anzurechnen sei ihnen, dass sie sich während des Prozesses »auf die Seite der Rechtsordnung gestellt« hätten. Es bleibe aber festzuhalten: Sie hätten sich als Mittäter wegen gefährlicher Körperverletzung und Beihilfe zur Geiselnahme strafbar gemacht. Für den Mazedonier fordert Spieler zwei Jahre und drei Monate Haft, für den 29-Jährigen ein Jahr und drei Monate auf Bewährung.

Obwohl ein weiterer Angeklagter zum ersten Mal als Täter in Erscheinung getreten ist, aber nicht zu seiner Schuld stand, fordert Spieler für ihn eine Haftstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Ein weiterer Angeklagter, dem lediglich eine Fesselung und damit die Beihilfe zur Geiselnahme nachzuweisen sei, soll nach dem Willen des Staatsanwalts zu einem Jahr und zwei Monaten auf Bewährung verurteilt werden.

Der Prozess wird mit den ersten Plädoyers der Anwälte fortgesetzt.

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