Stadt Gießen

Henni Nachtsheim stellt Weltliteratur auf Hessisch vor

Zusammen mit Rick Kavanian sorgt der Mann von Badesalz mit Ausschnitten aus seinem Buch »Dollbohrer« für viel Vergnügen in der Kongresshalle.
18. Dezember 2013, 17:48 Uhr
1 LOKG  29 - B_135441
Die Nummer von vorhin – nur annerster: Martin Johnson und Henni Nachtsheim in der Kongresshalle (von links). (Foto: kdw)

Große Freude herrschte schon vor Weihnachten, als Henni Nachtsheim von Badesalz jetzt in der Kongresshalle sein Buch »Dollbohrer« vorstellte. Nicht nur war der Komödiant groß in Form, er hatte mit Rick Kavanian auch einen idealen Spießgesellen dabei. Am Ende war das Publikum fertig vor Lachen über die Erzkomödianten.

Nachtsheim stellte damit das neue Buch und Hörbuch vor. Das entstand nach der Entdeckung eines hessischen »Handkäszimmers«, in dem zahlreiche, unveröffentlichte Kapitel der Weltliteratur gefunden wurden. Ausschnitte trägt er auf seiner aktuellen »Lesereise« gemeinsam mit dem erfahrenen Komödianten, Schauspieler und Situationskomiker Kavanian vor. Musikalisch hochwertig und sensibel begleitet wird er dabei von Martin Johnson am Keyboard.

Die erste Geschichte ist die von Moses, der zum Überwinden des Roten Meeres die Hilfe eines Hessisch babbelnden Handwerkers in Anspruch nimmt. Die Rollen sind zwischen den beiden Sprechern verteilt, die natürlich jeweils zahlreiche Figuren mit anderen Stimmen spielen. Und die Texte sind wirklich gut geschrieben, Nachtsheim arbeitet sorgfältig dramaturgische Details heraus und findet stets eine runde Form; ein paar unroutinierte Unebenheiten machen da nichts.

Beim Lesen ist er noch ein bisschen unsicher. Während die Figuren tadellos rüberkommen, trägt er den reinen Text zu schnell vor und verhuschelt ihn öfter – schade, wo der doch so gut gelang. Macht aber nichts, die Einfälle sind erstklassig. So klärt sich im Kapitel zu Harry Potter etwa auf, das das Spiel auf den Flugbesen nicht »Quidditch« heißt, sondern »Ischkriddisch«, was man so noch nicht wusste. Genüsslich verspottet das Kapitel aus dem »Namen der Rose« das Vorbild: Jutta und Renate, zwei lesbische Amseln, erinnern sich da an das dramatische Geschehen im Kloster.

Bei allem erweist sich Kavanian (»Der Schuh des Manitu«) als kongenialer Partner. Er spielt locker mehr als ein Dutzend Rollen und liest tadellos. Und mit welcher Energie – das macht unglaublich Spaß, denn Kavanian ist ein präziser Sprachhandwerker, der seine Figuren bis in die letzte Nuance genau schafft. Zwischendurch schaltet er gelegentlich um und liest mit Anthony Hopkins’ deutscher Stimme – frappierend ähnlich.

Ein Höhepunkt des Abends ist das neu geschriebene Kapitel von der Geburt Jesu. Da stellen sich allerlei Typen ein, die man dort nicht vermutet hätte: Udo Lindenberg mümmelt eine Rolle, Peter Maffay macht mit, Vitali und Wladimir Klitschko sind auch dabei. Ein Teil des Abends, für den das Urteil »Oberhammer« angebracht ist. Köstlich auch die Geschichte der drei Musketiere, die nach neuen Erkenntnissen Drillinge waren.

Der endgültige Gipfel des sehr witzigen Vortrags ist die Wiederaufnahme eines Kapitels, »nur annerster«. Da wird die Handlung witzig neu verknotet, und schließlich, in der Zugabe, improvisieren die beiden Komödianten. Beide holen noch ein paar neue Figuren und Stimmen raus, Kavanian läuft zu göttlicher Form auf, und das Publikum ist schließlich echt erschöpft von so viel Vergnügen. Ein toller Abend. kdw

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Henni-Nachtsheim-stellt-Weltliteratur-auf-Hessisch-vor;art71,87447

© Giessener Allgemeine Zeitung 2016. Alle Rechte vorbehalten. Wiederverwertung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung