10. April 2011, 20:45 Uhr

Hein-Heckroth-Preis geht posthum an Christoph Schlingensief

Ein Tausendsassa voller Selbstironie: Im Stadttheater wird der Hein-Heckroth-Preis posthum an Christoph Schlingensief verliehen. Christof Hetzer erhält den Förderpreis.
10. April 2011, 20:45 Uhr
Elisabeth Schweeger hält die Laudatio auf den verstorbenen Christoph Schlingensief, der im Großen Saal des Stadttheaters per Projektionsbild gleichwohl übermenschlich groß in Erscheinung tritt. (Fotos: Schepp)

Es war die fünfte Verleihung des Hein-Heckroth-Preises im Stadttheater Gießen und es war wieder eine gelungene und zugleich besonders würdige Veranstaltung, die Dietgard Wosimsky, Vorsitzende der Hein-Heckroth-Gesellschaft, organisiert hatte. Geehrt wurde der am 21. August 2010 in Berlin verstorbene Christoph Schlingensief. Geehrt als Bühnenbildner, nicht als Autor, nicht als Film-, Theater- oder Opernregisseur oder Aktionskünstler.

Was Schlingensief außerordentlich gefreut hat, als er 2009 davon erfuhr, auch weil ihn der vorherige Preisträger, der berühmte Robert Wilson (New York) vorgeschlagen hatte. Auch Schlingensiefs Frau Aino Laberenz, die an seiner Stelle den Preis entgegennahm, dankte dafür. Denn das Multitalent Schlingensief war dafür bekannt in vielen Künsten und grenzüberschreitend tätig zu sein, doch die Bühnenbildnerei als einzelne Kunstform ist in Würdigungen nicht oder nur am Rande wahrgenommen worden. Dass der Bühnenraum für ihn ein wichtiger Bestandteil seiner Inszenierungen war, das belegte Laberenz, die auch seine künstlerische Mitarbeiterin war und nun sein Werk fortführt, mit folgendem Zitat: »Der Raum bestimmt dich und nicht du den Raum.«

Die Laudatio auf Schlingensief hielt Dr. Elisabeth Schweeger, die bis vor Kurzem Intendantin des Schauspiels Frankfurt war und aktuell für die Kunstfestspiele Herrenhausen in Hannover zuständig ist. Obwohl sie häufig mit Schlingensief zu tun hatte, habe sie doch zunächst gezögert, der Bitte nachzukommen, erzählte sie. Sie bedankte sich für die Blume auf dem Platz, an dem der Preisträger hätte sitzen sollen. »Eine Tulpe für den Frühling, das heißt, es geht weiter, und das ist tröstlich.« Sie ließ das Bild eines warmherzigen Menschen entstehen, der immer emotional war und zugleich glasklar analytisch, der unverfroren offen war und sich mit seiner Kunst politisch einmischte, was sehr selten geworden sei. Schweeger: »Er war ein liebender Moralist, erkrankt am deutschen Wesen und an der Unklarheit der Welt.« Aber das sei ihm immerwährender Anreiz gewesen, das Leben zu bejahen - auch als er die Endlichkeit des eigenen gezwungen war zu akzeptieren.

Als Beispiel für seine Arbeit wurde ein Ausschnitt aus einer Dokumentation über den Filmemacher Schlingensief gezeigt, in dem dieser seine eigenen Anfänge als Regisseur - noch in Schulzeiten - kommentiert: mit heiterer Leichtigkeit und analytischer Selbstironie. Der andere Filmausschnitt des Kulturvormittags war dem Namensgeber des Preises gewidmet, dem in Gießen geborenen Maler und Bühnenbildner Hein Heckroth (1901 - 1970). Gezeigt wurde aus dem HR-Film »Reinschrift in Form und Farbe« (1967) die Vorbereitung für ein Bühnenbild an den Bühnen Frankfurt, wo Heckroth in 50er Jahren tätig war. Auch dieser Filmausschnitt bestach durch Humor und künstlerische Grenzüberschreitung.

Als Förderpreisträger hatte Schlingensief Christof Hetzer (geb. 1976) aus Berlin vorgeschlagen, obwohl die beiden sich persönlich nicht kannten. Die Laudatio hielt Dietmar Schwarz, Direktor der Oper Basel und designierter Intendant der Deutschen Oper Berlin (ab August 2012), der Hetzer als »Musiktheatermann im besten Sinne« bezeichnete. Der junge Preisträger dankte seinen Mentoren und wies auf eine besondere Verbindung hin, dass nämlich sein Vater von Heckroth die Bühnenbildnerei in Frankfurt gelernt habe. Über diese Vernetzung der Traditionen zeigte sich auch Heckroth-Enkel Jodi Routh hoch erfreut, der es sich nicht hatte nehmen lassen, zum wiederholten Mal nach Gießen zu kommen.

Dass sich nunmehr eine Tradition etabliert hat, die fortgesetzt wird, darin waren sich die Vertreter der geldgebenden Institutionen einig: Günter Schmitteckert, Ministerialdirigent aus dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, der den Preis von 5000 Euro überreichte, und Dietlind Grabe-Bolz, Oberbürgermeisterin der Stadt Gießen, die den Förderpreis in Höhe von 2500 Euro übergab, das Ganze jeweils mit Urkunde und Medaille.

Die würdige musikalische Umrahmung boten Bassbariton Otto Katzameier und seine Begleiterin Kate de Marcken am Flügel mit Liedern von Gustav Mahler, die Schlingensief besonders mochte. Zu erwähnen bleibt noch, dass unter den illustren Gästen, die allesamt lange Anfahrtswege in Kauf genommen hatten, auch der Botschaftsrat von Burkina Faso, Jean Bengaly, war. Schließlich wird Schlingensiefs großes Projekt eines Operndorfs für Burkina Faso von seinem Team fortgeführt. Der Heckroth-Preis soll ein kleiner Beitrag zu dessen Finanzierung sein. Dagmar Klein



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