29. Mai 2013, 17:58 Uhr

Haydns »Jahreszeiten« im neunten Sinfoniekonzert

Joseph Haydns »Die Jahreszeiten« erklang im neunten Sinfoniekonzert des Stadttheaters. Und ein »Happy Birthday« gab es zusätzlich für Dirigent Jan Hoffmann.
29. Mai 2013, 17:58 Uhr
Dirigent Jan Hoffmann (r.) nimmt mit Naroa Intxausti, Ralf Simon und Hans Christoph Begemann (l.) den Applaus entgegen. (Wegst)

Joseph Haydns weltliches Oratorium »Die Jahreszeiten« wird seltener aufgeführt als sein kurz zuvor komponiertes Vokalwerk »Die Schöpfung«. Das mag an den biederen, allzu schlichten Sätzen liegen, mit denen die vier Teile Frühling, Sommer, Herbst und Winter textlich unterlegt sind. Damit hat der Überlieferung nach sogar der Meister sich schwergetan. Er arbeitete zwei Jahre an dem Opus, bevor »Die Jahreszeiten« 1801 in Wien uraufgeführt wurden – mit deutlich weniger Erfolg als Haydns religiös grundierte Genesis-Umsetzung in Musik.

In ähnlicher Besetzung – mit drei Gesangssolisten und vierstimmigem Chor sowie spätklassischem Orchester mit Cembalo – präsentiert sich die Schilderung der Jahreszeiten in ländlichem Ambiente in der traditionellen Mischung von Arien, Rezitativen, Duetten, Terzetten für die Solisten und abwechslungsreichen Chorpassagen bis hin zur »besoffenen Fuge« (Haydn). Die musikalischen Bilder reichen von der linear-deskriptiven Illustration über stimmungsbildende Elemente und geläufige Formen (Volkstanz, Kavatine) bis zur prächtig mit Koloraturen bestückten Apotheose des Fleißes im Schlussteil.

Dieser machtvolle Doppelchor mit Terzett krönte im 9. Sinfoniekonzert eine Jahreszeiten-Sicht, die in der Erarbeitung von Chordirektor Jan Hoffmann zu den passenden heiteren und ironischen Tönen fand, wie sie Haydn zum Libretto des Barons van Swieten wohl beabsichtigt hat (der bewährte Librettist hat aus dem englischen Versepos von James Thomas übertragen und lediglich für den Schluss selbst zur Feder gegriffen).

Das Philharmonische Orchester gab eine dynamisch differenzierte Kostprobe zu dieser Sicht im Vorspiel. Die Winterstürme verabschiedeten sich darin mit polterigen Tönen und Bläserfanfaren bis zur Ankündigung des Lenzes. Mit dem Rezitativ zum Frühlings-odem stellten sich drei hervorragende Solisten vor: Naroa Intxausti mit kräftig leuchtendem Sopran in der naiv-koketten Rolle der Hanne, mit biegsamem Tenor und baritonalen Tiefen Ralf Simon als Lukas, und (eingesprungen für Calin-Valentin Cozma) der jüngst als Claudio in »Agrippina« überzeugende Hans Christoph Begemann, dessen warm getönter Bass sich passend zu den naiven Worten (»und aus dem Sumpfe quakt der Frosch«) mit ausdrucksstarker Mimik paarte. Mit ansprechender Terzenseligkeit sangen Intxausti und Simon ihr humoriges Liebesduett, und Begemann führte dem Publikum das Leben des Landmannes mit einer plastischen Mischung aus Staunen und Eifer vor.

Gewittersturm und dräuender Dunst, musikalisch zwinkernde Weinseligkeit und tanzende Bauern, ein Jagdlied mit Hörnerklang – neben diesen von Chor und Orchester schwungvoll intonierten Passagen ließen lyrische Momente in interessanter Instrumentation und Harmonik aufhorchen, wie der Wechsel zur Mondstimmung. Suggestiv auch die Steigerung ins strahlende D-Dur des Sonnenaufgangs. Gelungen das Motiv des Schäfers (Oboensolo, Sopran) vor dem Aufziehen des Unwetters, das sich würdig in die Reihe der Gewittermusiken von Barock über Beethoven bis Richard Strauss einfügt. Die Chöre des Theaters, des Gießener Konzertvereins und der Wetzlarer Singakademie, zu Beginn ein wenig wacklig in Einsätzen und Intonation, fanden unter dem souveränen und energischen Dirigat schnell zu einem präzisen Konsens und folgten den Vorgaben vom Pult aufmerksam und geschlossen bis hin zur exakt abgezirkelten Fuge.

Insgesamt gefiel ein klanglich rundes Gesamtbild, und die ausgedehnte Jahreszeiten-schilderung erfuhr durch die lebendigen Wechsel eine imponierend farbige Gestaltung, zu der das gesamte Ensemble beitrug. Was Wunder, wenn nach dem lang anhaltenden Schlussbeifall noch ein musikalisches Extra-Bonbon für den Maestro vom Pult fällig war: Der Chor gratulierte ihm mit »Happy Birthday« und variierte aus rhythmischen Gründen kurzerhand den »Jan« zum »Johann«. Blumen und eitel Freude im gut besuchten Musentempel!

Olga Lappo-Danilewski

»Die Jahreszeiten« erklingen noch einmal am Dienstag, 11. Juni, um 20 Uhr in der Wetzlarer Stadthalle. Aufführende sind wieder die Wetzlarer Singakademie, der Gießener Konzertverein, das Philharmonische Orchester und der Chor des Stadttheaters unter dem Dirigat von Jan Hoffmann. Als Solisten angekündigt sind Sopranistin Naroa Intxausti, Tenor Ralf Simon und Bassist Calin Valentin Cozma. gl

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