28. April 2013, 20:48 Uhr

Hat Gießen zu viele Sportvereine?

Gießen (srs). Für Sportvereine wird der Spielraum zunehmend enger: Ganztagsschulen belegen Hallen bis in den Abend hinein, gleichzeitig nimmt im Zuge des Rettungsschirms die Förderung durch die öffentliche Hand weiter ab. Der Vorsitzende des MTV 1846 Gießen, Walter Müller, ruft die Vereine nun zu mehr Zusammenarbeit auf.
28. April 2013, 20:48 Uhr

»Zusammenschlüsse, Fusionen oder Kooperationen sollten bei gesunden Vereinen möglich sein – und nicht erst, wenn alles in den Brunnen gefallen ist«, appellierte er am Freitag während der Mitgliederversammlung des MTV. Von der Stadt erwartet er im Rahmen des Rettungsschirms »offene Gespräche mit allen Beteiligten«.

Angesichts abnehmender Hallenkapazitäten hielt der MTV-Vorsitzende fest: »Die Sportdezernentin und der Sportamtsleiter sollten einmal darüber nachdenken, ob die Stadt noch so viele Vereine verträgt oder ob es nicht vernünftiger wäre, diese auf ein angemessenes Maß zu reduzieren«. Der Rettungsschirm sei eine Gelegenheit, diese Diskussion zu führen. »Aber auch wir müssen uns mehr bewegen«, fügte Müller hinzu »Es gilt, Leerstände in der Stadt auf mögliche sportliche Nutzung hin aufzuspüren.«

Initiative zum Kinderschutz

Einstimmig haben die Mitglieder des MTV am Freitag unterdessen eine Änderung ihrer Satzung beschlossen: »Der Verein verurteilt jegliche Gewalt« und »setzt sich außerdem aktiv für den Kinderschutz und die Prävention von sexualisierter Gewalt ein«, heißt es nun ergänzend in Paragraf 1. Vor dem Hintergrund des Bundeskinderschutzgesetzes drängt die Stadt die Vereine auf entsprechende Regelungen seit drei Jahren, macht unter anderem auch Fördergelder davon abhängig. Das Vorgehen des MTV gehe indes über die Vorlage der Stadt hinaus, betonten Müller und der stellvertretende Vorsitzende Norbert Leidinger-Müller. So haben alle Übungsleiter im Kinder- und Jugendbereich des MTV ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen. Für Abteilungs- und Übungsleiter sind Schulungen im Thema des Kinderschutzes zukünftig verbindlich, der MTV wird derartige Weiterbildungen selbst organisieren. Darüber hinaus benennt der Verein in den kommenden Monaten zwei Ansprechpartner zu allen Fragen des Kinderschutzes.

Vor einem Umbau steht die Vereinsgaststätte des MTV, nachdem der Wirt zum Ende des Jahres gekündigt hat. »Wir sind auf der Suche nach einem neuen Pächter und nach Ideen für ein neues Konzept«, berichtete der stellvertretende Vorsitzende für den Bereich Verwaltung, Thomas Webler. »Wir wollen wieder ein richtiges Vereinslokal, wo die Mitglieder sich wohl fühlen.« In den nächsten Tagen steht derweil eine Renovierung der stark angerosteten, in die Jahnhalle führenden Trinkwasserhauptleitung bevor, die Maßnahme wird 9000 Euro in Anspruch nehmen. Der vor fünf Jahren errichtete Kunstrasenplatz erhält im Sommer für 1500 Euro erstmals eine Intensivreinigung, um die Regenwasserableitung sicher zu stellen.

Die hohen Investitionen der vergangenen Jahre in das MTV-Gelände und daraus resultierende Abschreibungen von jährlich 38000 Euro machen sich im Kassenbericht für das Jahr 2012 mit einem Fehlbetrag von 9584,15 Euro bemerkbar. Sponsorengelder und Spenden seien zurückgegangen, erläuterte Schatzmeister Mario Bröder. Doch der Verein könne seine Verpflichtungen allesamt erfüllen, versicherte er. Abschreibungen drückten zwar den Geldbeutel, »aber der Verein hat ja auch Werte geschaffen.«

Abstieg »kein Beinbruch«

Der Abstieg der 46ers aus der 1. Basketball-Bundesliga sei unterdessen »kein Beinbruch«, hob der MTV-Vorsitzende Müller hervor. Bedauernswert sei vielmehr die Außendarstellung Anfang des Jahres gewesen. »Das Damoklesschwert schwebte schon seit Jahren.« Mit zusätzlichen Mitteln habe man die Liga kurzfristig halten können. »Was lernen wir daraus? Jede Infusion, wenn auch noch so gut gemeint, ist immer kritisch zu hinterfragen.«

Mit Hoffnung blicke er nun auf die Gründung eine Kooperation im Nachwuchsbereich zwischen Vereinen der Region und dem Basketball-Leistungszentrum Mittelhessen zu einer »Akademie«, die am heutigen Montag Pressevertretern vorgestellt werden soll. »Eine nicht für möglich gehaltene Zusammenarbeit auf höchster Ebene«, würdigte Müller. »Es ist zu hundert Prozent die letzte Chance für den Basketball in Mittelhessen.«

Ehrungen durchgeführt

Ehrungen für sportliche Leistungen verdeutlichten indessen, dass der MTV über Juwelen auch in der Leichtathletik-Abteilung verfügt: Ann-Christin Strack hatte im vergangenen Jahr bei den Deutschen Jugendmeisterschaften Silber über 100 Meter Hürden sowie Bronze im 100-Meter-Sprintrennen in der U20-Altersklasse geholt. Wie die Cheerleader »Tornado Cheer« – amtierende Hessenmeister, EM-Vierte und seit vorige Woche Deutsche Vizemeister – nahm sie die Leistungsnadel in Silber entgegen. Müller ehrte zudem langjährige Mitglieder: Seit 60 Jahren hält Udo Vogler dem MTV die Treue. Die Ehrennadel in Gold mit der Zahl 50 nahmen Hella Bartelt, Erika Degen, Fritz Karl Hahn und Christel Merlau entgegen.

Der Vorstand des MTV bleibt unverändert. Müller kündigte allerdings an, bei der nächsten Wahl in zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr als Vorsitzender zur Verfügung zu stehen.



0
Kommentare | Kommentieren

Mehr zum Thema

Bilder und Videos