03. September 2017, 19:11 Uhr

Harvest im Herbstwetter

Fast auf den Tag genau 37 Jahre vor ihrem Auftritt im Gießener Kultursommer sind Barclay James Harvest in den Rockolymp aufgestiegen. Und das ist erkennbar lange her.
03. September 2017, 19:11 Uhr
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Von Saskia Elisa Sophie Nagel
Stoisch bedient Les Holroyd seine E-Gitarre. (Foto: sis)

Don’t try to fly you know you might not come down.« Bis zu diesem Klassiker war es am Freitagabend leider ein weiter Weg. Was 1977 ein Riesenerfolg für Barclay James Harvest war, schien am Wochenende auf dem Schiffenberg ein unerreichbares Ziel. Das Wetter wollte nicht, die Stimme von Les Holroyd auch nicht so überzeugend wie an manch anderem Abend. Weil der Ursprungsband seit 1998 zwei Formationen entsprungen sind, fehlten beim Gießener Kultursommer die Erfolgshits »Child of the universe« und »Berlin«. Denn Les Holroyd spielt und singt nur, was aus seiner eigenen Feder entstanden ist. Zur aktuellen Band gehören noch Michael »Mike« Byron-Hehir (Gitarre), Colin Browne (Keyboard, Gitarre), Steve Butler (Gitarre, Keyboard) und Louie Palmer (Schlagzeug, Perkussion).

Zur Retrospective 50th Anniversary Tour eröffnen BJH auf dem Hausberg mit »Who do we think we are?«. Die Setlist ist bei jedem Konzert der aktuellen Tour die gleiche. Man setzt auf Tradition. Große Überraschungen verspricht das ausverkaufte Spektakel also nicht. Am 30. August 1980 hatte BJH im damals noch geteilten Deutschland vor dem Reichstag in Berlin ein kostenloses Konzert vor 175 000 Leuten gegeben. »A concert for the people« schrieb mit Les Holroyd und John Lees Geschichte. Am 1. September 2017 steht Les Holroyd nun mit ergrautem Lockenkopf im Wind des herannahenden mittelhessischen Herbstes auf der Bühne. Stoisch bedient er seine E-Gitarre und singt die Hits »Mocking Bird« (1971), »Victims of Circumstances« und »Poor Man’s Moody Blues«.

Doch schon nach sieben Titeln ist Pause, es beginnt zu regnen und das nehmen einige Zuhörer als Anlass zum Rückzug. »So alt bin ich noch nicht, dass ich auf einem Konzert sitzen muss«, meint Barbara (55) aus Kleinlinden. Ja, so richtig Stimmung kommt nicht auf. Selbst Schunkeln zur alten Schmuse-Bluesmukke ist im Stehen doch schöner als auf dem Stuhl. Und so alt ist der Durchschnittsbesucher am Freitagabend wirklich nicht. Barbara hat mit fünfzehn Jahren gerne Blues getanzt auf die Musik von BJH, doch heute ist sie sichtlich enttäuscht von der Performance.

Bei alten Klassikern scheiden sich bekanntermaßen die Geister. Muss denn jeder sein 50. Bühnenjubiläum feiern? Sind die Erinnerungen an damals meist nicht sogar schöner als ein reales Wiedersehen nach Jahrzehnten? Der Regen wird heftiger. In der zweiten Konzerthälfte erklingen noch »Rock ’n’ Roll Star«, »Fly Away« und »Love on the line«. Immer mehr Konzertbesucher verlassen resigniert den Schiffenberg und hoffen, dass schon bald ein Bus in Richtung Stadt aufbricht. Der schwermütige Classic-Rock und die esoterischen Sphärenklänge der Band ziehen an diesem Freitag besonders stark runter. Es gibt ja Showtalente, die dem Wetter trotzen können. Die Tom Pfeiffer Band beispielsweise. BJH gelingt es nicht – auch wenn sie ihre Titel tadellos performen.

Und auf was vermutlich alle Zuschauer gewartet haben, kommt natürlich erst zum Schluss. »Hymn«, der bekannteste Song aus Les Holroyds Feder reißt dann auch niemanden mehr aus seinem Stuhl.



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