21. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Gutachter hält Angeklagten für Sadist

Gießen (sha). Die Einschätzungen könnten unterschiedlicher nicht sein: Der Angeklagte sieht sich als einen »lieben, hilfsbereiten Menschen mit einem offenen Ohr für andere«. Ein psychiatrischer Gutachter hält den 57-Jährigen hingegen für einen Sadist.
21. Dezember 2016, 12:00 Uhr
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Von Steffen Hanak

Am Dienstag erläuterte der Mediziner vor der Schwurgerichtskammer des Gießener Landgerichts, was der in Untersuchungshaft sitzende Angeklagte – der laut Staatsanwaltschaft eine psychisch kranke Frau dazu bringen wollte, sich von ihm töten zu lassen (die GAZ berichtete) – in mehrstündigen Explorationsgesprächen geschildert hatte. Zwar seien manche Angaben des zuletzt in Westhessen lebenden Mannes »etwas vage« geblieben und an vieles habe sich der Familienvater nicht erinnern wollen oder gar nichts dazu gesagt. Dennoch war die Diagnose des Arztes eindeutig: sexueller Sadismus. Und: Der 57-Jährige ist voll schuldfähig.
Der »sehr religiöse und rigide« Vater habe die Kindheit des Angeklagten geprägt, der angegeben habe, auch noch als Jugendlicher von seinem Vater verprügelt worden zu sein. Der Westhesse habe berichtet, einmal ein pornografisches Bild von einer gefesselten Frau gesehen zu haben, das ihn »besonders erregt« habe. Diese Neigung habe sich weiter »spezifiziert« – der Mann habe besonderen Gefallen an »Aufhängespielchen« gefunden und diesem Drang auch durch »sehr intensive Kontakte« zu Prostituierten nachgegeben. Allerdings schien auch dabei nicht alles einvernehmlich gelaufen zu sein. Wenn die Frauen nicht alles mitmachten, wurde der mehrfach vorbestrafte Angeklagte gewalttätig, saß bereits wegen Vergewaltigung im Gefängnis.

»Gefühl der Macht«

Auch bei der Tat, die laut Staatsanwaltschaft für die Nacht vom 28. auf den 29. April dieses Jahres geplant war, wollte der 57-Jährige eine Frau aufhängen – in einem Waldstück bei Gießen – und sich am Todeskampf der psychisch kranken 23-Jährigen ergötzen. Die Leipzigerin vertraute sich jedoch Fernsehjournalisten an, die wiederum die Polizei einschalteten. Im Gespräch habe der Angeklagte Tötungsabsichten allerdings geleugnet, berichtete der Mediziner. Vielmehr habe der Mann geschildert, die Stricke für seine Spiele bewusst nie angebunden, sondern immer in der Hand gehalten zu haben, um so noch rechtzeitig eingreifen zu können. Überhaupt sei sich der Mann »keiner Schuld bewusst«, sagte der Gutachter. Der massiv übergewichtige 57-Jährige, der in einem Internet-Forum für psychisch Kranke Kontakt zu der 23-Jährigen aufgenommen hatte, habe betont, er habe den Frauen, die diese Plattform nutzten, nur helfen und ihnen »Ratschläge« geben wollen. Schließlich habe er, nachdem er selbst einmal schwer depressiv gewesen sei, ein »gewisses Verständnis für Depressive«. Die Frage von Staatsanwalt Thomas Hauburger, ob Depressive leichter zu beeinflussen seien, bejahte der Gutachter. Außerdem habe der Angeklagte ein »Gefühl der Macht« geschildert, das er bei den »Aufhängespielchen« erlebe.
Nicht geäußert habe sich der Angeklagte zum »Fall Katharina« in Bremen, berichtete der Arzt. Dort hatte sich eine psychisch kranke 23-Jährige, die der Angeklagte ebenfalls via Chat kontaktiert hatte, umgebracht. Die Bremer Behörden hatten die Ermittlungen gegen den 57-Jährigen aber eingestellt. Ein Urteil im hiesigen Prozess wird für den 29. Dezember erwartet.


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