08. Februar 2009, 20:42 Uhr

»Großes Bedürfnis nach Klarheit« bei Katholiken

Gießen (ast). Nicht als Kritik am Papst, sondern als ein Zeichen der Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde in Gießen soll die Unterschriftenaktion unter heimischen Katholiken gegen den Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson verstanden werden. Dies machte der Initiator der Aktion, Hochschulpfarrer Siegfried Karl von der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG), in seiner Predigt am Sonntag deutlich.
08. Februar 2009, 20:42 Uhr
Zahlreiche Gottesdienstbesucher unterstützen gestern die Unterschriftenaktion der Hochschulgemeinde. (Foto: ast)

Und das bekräftigte auch der katholische Dekan Januarius Mäurer, der bei seinen Gemeindemitgliedern »ein großes Bedürfnis nach Klarheit« wahrnimmt. Es sei schwer zu verstehen, warum Benedikt XVI. die vier Bischöfe der Pius-Bruderschaft wieder in die Kirche aufgenommen hat. Rund 200 Unterschriften wurden am Wochenende bei Gottesdiensten gesammelt. Nicht beteiligt hatte sich die größte katholische Gemeinde Gießens, St. Albertus.

Hochschulpfarrer Karl hatte die Unterschriftenaktion gemeinsam mit der Klinikseelsorge und dem Institut für Katholische Theologie der Justus-Liebig-Universität mit großer Unterstützung der katholischen Studierenden gestartet. In einem offenen Brief an die Gießener jüdische Gemeinde bringen die Initiatoren ihr Unverständnis und ihre Bestürzung über die Aufhebung der Exkommunikation von Bischof Richard Williamson zum Ausdruck. Von der obersten Kirchenleitung erwarten sie eine Entschuldigung sowie »Konsequenzen« für die Verantwortlichen. Letzterer Absatz habe - so Mäurer - unter den Kollegen für ein »heterogenes Meinungsbild« gesorgt. Während im Vorraum seiner Gemeinde St. Thomas Morus und bei den Gottesdiensten in St. Bonifatius der Aufruf auslag, konnte man in der Albertuskirche nicht unterschreiben. Pfarrer Hermann Heil sagte, der Papst habe sich in seinen Augen bereits ausreichend von Williamsons Äußerungen distanziert.

Nach Mäurers Eindruck beschäftige der Vorgang viele Gemeindemitglieder. »Bedrücktheit und Betroffenheit« herrschten vor. Viele seien »sehr solidarisch mit dem Papst«; aber auch sie fragten sich, wie es zu der Entscheidung zugunsten der Pius-Bruderschaft-Bischöfe kommen konnte. Ein »an sich gutes Wollen« der Kirchenleitung sei »schiefgegangen«, meint der Dekan, dem bei der Unterschriftenaktion vor allem das Signal an die Gießener Juden wichtig ist: »Wir wollen und können im Dialog bleiben.«

Protest, Entsetzen, Unverständnis und Enttäuschung habe in den vergangenen zwei Wochen unter Gläubigen geherrscht, so Pfarrer Karl. »Wenn der Papst eine ultrakonservative Splittergruppe in den Schoß der Kirche aufnimmt, in Fragen aber wie etwa die Zulassung von Frauen zum kirchlichen Amt kompromisslos bleibt, erzeugt es Unverständnis und Ratlosigkeit bei jungen Menschen.« Der Papst erscheine jungen Katholiken weltfremd. »Viele neigen zur Resignation und geben die Hoffnung auf, dass die Kirche sich bewegen könnte - außer in Richtung auf eine ultrakonservative Bruderschaft hin.« Es sei jetzt wichtig, Solidarität mit denjenigen zu zeigen, die verletzt und beleidigt wurden. »Wir wollen die Unterschriften aber nicht nach Rom oder nach Mainz schicken, sondern der jüdischen Gemeinde Gießen übergeben als Zeichen der Solidarität und als Ausdruck tiefer Betroffenheit über den Antisemitismus, den es in der Kirche immer noch gibt.«

Dem Papst wolle man keine Vorschriften machen, »aber ein getaufter, gefirmter Christ darf sagen, was er in einem solchen offensichtlichem Debakel von der obersten Kirchenleitung erwartet«, sagte Karl. Er freue sich, dass Benedikt XVI. mittlerweile von Williamson die öffentliche Zurücknahme der antisemitischen Äußerungen gefordert hat. Es bedürfe allerdings noch weiterer klarer Signale aus Rom gegenüber dem jüdischen Volk. Außerdem solle Williamson exkommuniziert bleiben.

Simone Heerdt aus Wettenberg hat sich unter vielen anderen nach dem gestrigen Hochschulottesdienst in die Liste eingetragen. Sie könne gar nicht verstehen, dass man eine rechtsradikale Bruderschaft in die Kirche einbetten wolle, aber die Frauen oder eher links stehende Gruppen außen vor lasse. Auch hoffe sie auf Konsequenzen für diejenigen, die den Papst nicht richtig informiert hätten, sondern ihn ins offene Messer laufen ließen.

Die Unterschriftslisten werden zwei Wochen lang in der KHG, Wilhelmstraße 28, am Schwarzen Brett im Foyer aushängen. Zu den Bürozeiten (Montag bis Donnerstag 10 bis 16 Uhr, Freitag 10 bis 14 Uhr) kann sich jeder Interessierte dort eintragen. Der Brief kann auch im Internet nachgelesen werden:<%LINK auto="true" href="http://www.khg-giessen.de" text="www.khg-giessen.de" class="more"%>.

Morgen Vortrag bei der KHG

Aus aktuellem Anlass veranstaltet die Katholische Hochschulgemeinde am morgigen Dienstag (10. Februar) einen Vortrags- und Diskussionsabend. Prof. Linus Hauser (Institut für Katholische Theologie der Justus-Liebig-Universität) spricht ab 20 Uhr in den Räumen der KHG (Wilhelmstraße 28) über »Das gebrochene Verhältnis zur Demokratie - Zur Aufhebung der Exkommunikation der vier Lefebvre-Bischöfe durch Papst Benedikt XVI. im zeitgeschichtlichen Kontext der katholischen Kirche«.

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