04. August 2014, 12:38 Uhr

Grooven, fluchen, Klänge suchen

Was groovt und flucht denn da im Garten oder genauer: auf dem Gelände der Landesgartenschau? Liebhaber und Fans der improvisierten Musik erhielten beim Jazz-Wochenende entsprechend klingende Antworten beispielsweise in Form des vom Fusion-Trio Morning Sprite funkig-tänzelnd angestimmten »Two dancing trees« (zwei tanzende Bäume) oder mittels gewollt summender, quakender, krächzender und auch scheinbar fluchender instrumentaler Auseinandersetzungen und »Rundgespräche«, welche etwa das free-jazzende Quartett Bloombox bei steuerte.
04. August 2014, 12:38 Uhr
Sigrun Bepler lockt mit Jazz Standards. (Foto: Christian Lademann)

Für den Samstag und Sonntag hatten die beiden hiesigen Musiker-Kooperativen Jazzinitiative Gießen (JazzIG) und Gießen Improvisers Pool (GIP) ein stilistisch breit gefächertes Programm zusammengestellt. Insgesamt sieben Formationen, teilweise oder auch ganz mit heimischen Musikern besetzt, präsentierten an beiden Tagen auf der SWG-Bühne vor eher rarem Publikum eine Palette, die von Jazz-Standards über Fusion, Modern Jazz und Pop-Jazz bis hin zu Free Jazz, freier Improvisation und experimentellem akustischen Ausloten der eigenen Instrumente reichte. Anhänger traditioneller Töne durften ihren Horizont jenseits von New-Orleans- oder Big-Band-Swing erweitern.

Während das Sigrun-Bepler-Quintett mit Antonio Carlos Jobims Bossa Nova »Dinking water (Água de beber)«, dem bluesigen »Black coffee« oder dem latinhaften »500
miles high« von Chick Corea sowie das Quartett Four Winds am Sonntag das Publikum eher mit Jazz-Standards bedienten, startete zuvor der Samstag mit groovigen Sounds. Die zwei ebenfalls von der JazzIG ins Rennen geschickten Formationen Fusion Drive und Morning Sprite hatten jeweils die gewisse Portion Funk intus, die ihre Sets mit dem gewissen rhythmischen Drive antrieb. Dabei setzte das aus Marburger und Gießener Musikern extra für diesen Auftritt zusammengesetzte und ordentlich groovende Quintett Fusion Drive ausschließlich auf Fusion- und Jazzrock-Klassiker.

Kontrapunkt zur Radiodudelei

Das Trio Morning Sprite – benannt nach einem rhythmisch quirligen Titel des Pianisten Chick Corea, der natürlich auch angespielt wurde – präsentierte hingegen fast ausschließlich Eigenkompositionen. Unterstützt vom groovenden Fundament seitens Frank Höfliger (Bass) und Simon Döring (Schlagzeug) war es vor allem Torsten Hofmanns Tastenspiel, das sich in den Songs mit seinen Wechseln aus flächigen E-Piano-Klängen sowie eingängig-melodiösen Themen und lebhaften Synthesizer-Sounds in den Vordergrund rückte.

Den Schmalz mainstreamiger Radiodudelei kratzte das Quartett Bloombox den Zuhörern aus den Ohren. Mark Charig (Kornett, Euphonium), Martin Speicher (Klarinette, Bassklarinette, Saxofon), Georg Wolf (Kontrabass) und Jörg Fischer (Schlagzeug) kommunizierten klassisch wie geräuschhaft auf ihren Instrumenten miteinander. Und weil auch ihr freies Spiel auf Imitation sowie Ruf und Antwort setzte, ahmten sich die Musiker gegenseitig sowie Natur- und Umweltklänge nach oder entwickelten daraus ein kongeniales Miteinander.

Von gängigen Hörgewohnheiten befreit, ließ am Sonntag das RGS Trio mittels präparierter Instrumente und ebenfalls erweiterter Spielweisen aufhorchen, auch wenn das einige Besucher unter Klangchaos verbuchten. Doch das Chaos war eher intuitiv und gelenkt. Oft sehr impulsiv und expressiv experimentierten Peter Geisselbrecht (Flügel), Frank Rühl (E-Gitarre) und Wolfgang Schliemann (Schlagzeug). Die Klaviersaiten wurden mit Schlägel und Gummiball traktiert, die Gitarre mit Quirl, Ventilator und Glöckchen bearbeitet. In poppigere Gefilde des Jazz entführte zum Abschluss des Reigens die Gruppe Charlotte’s Most Wanted um Sängerin Lisa Charlotte Müller.

Ebenfalls gefällig wirkte als Bonus am Sonntagabend der Auftritt von Sängerin Caro Josée (eigentlich Caro Mizerski), die mit ihrem Album »Turning Point« 2013 den Echo-Jazz-Preis in der Kategorie »Sängerin des Jahres, national« erhielt. Die 1958 in Gießen geborene, aber bereits lange in Hamburg lebende Musikerin gefiel vor geschätzten 400 Zuscheuern mit ihren schmeichelnden, balladesken Songs, die sie mit kehlig-rauchiger Stimme präsentierte. (chl)



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