21. Dezember 2016, 12:00 Uhr

Grenzenlose Hilfe gegen grenzenloses Leid

Kinder, die nicht mehr sind als Haut und Knochen. Familien, die wegen politischer
21. Dezember 2016, 12:00 Uhr
Ulrike Müller und ihre Kollegin helfen extrem unterernährten Kindern im Tschad. Leider klappt das nicht immer. (Foto: pv)
Ulrike Müllers Wohnung liegt nur einen Steinwurf von der Gießener Uni-Klinik entfernt. Hier werden Patienten von bestens ausgebildeten Ärzten in einer hygienisch einwandfreien Umgebung mit den richtigen Medikamenten und der neuesten Ausstattung behandelt. Verhältnisse, von denen die Menschen im indischen Hinterland nur träumen können. Oder die vom Hurrican gebeutelten Haitianer. Und die Menschen im Tschad sind schon froh, wenn sie überhaupt mal einen Arzt zu Gesicht bekommen. Oder etwas zu essen in den Magen. Müller war bis vor Kurzem im Auftrag von Ärzte ohne Grenzen im Tschad. »Ich habe mich zweieinhalb Monate lang um mangelernährte Kinder gekümmert.« Eine Aufgabe, der die Hilfsorganisation bereits seit 45 Jahren nachkommt.
Der Ursprung von Ärzte ohne Grenzen liegt gar nicht so weit vom zentralafrikanischen Tschad entfernt. Während des Biafra-Krieges Ende der 1960er Jahre verhängte das nigerianische Militär eine Blockade der ehemals unabhängigen Region Biafra im Südosten des Landes. Um den hungernden Menschen zu helfen, reiste eine Gruppe französischer Ärzte nach Biafra. Darunter war auch Bernard Kouchner. Der Franzose musste mit ansehen, wie unzählige Menschen starben. Wer von den Waffen verschont blieb, wurde vom Hunger dahingerafft. Kouchner wollte etwas ändern. Also gründete er nach seiner Rückkehr mit einigen Gleichgesinnten »Médecins sans Frontières«. Das war am 21. Dezember 1971. Heute, auf den Tag 45 Jahre später, sind die Ärzte ohne Grenzen eine der angesehensten Hilfsorganisationen der Welt. 1999 erhielt sie den Friedensnobelpreis, über 35 000 Menschen sind in ihrem Namen im Einsatz. Darunter auch Ulrike Müller.
»Ich wollte schon immer Kinderärztin werden. Außerdem hat es mich gereizt, im Ausland zu arbeiten«, sagt die 35-jährige Gießenerin. Als sie dann während des Medizinstudiums den Vortrag eines Mitarbeiters von Ärzte ohne Grenzen hörte, war ihre Entscheidung gefallen. »Ich habe dann gezielt darauf hingearbeitet, zum Beispiel Seminare in Tropenmedizin und medizinischem Englisch belegt.« Da man für den Einsatz Berufserfahrung mitbringen sollte, arbeitete Müller noch drei Jahre als Assistenzärztin. Dann bewarb sie sich bei Ärzte ohne Grenzen – und aus dem wohlbehüteten Deutschland ging es in die Krisenregion Chhattisgarh.
Mit den üblichen indischen Urlaubszielen habe Chhattisgarh nichts gemein, betont Müller. »In dem Bundesstaat herrscht ein Konflikt zwischen der Regierung und sogenannten Terroristen. Wer vor Ort bleibt, ist vom Gesundheitssystem abgeschnitten. Wie es dann meistens ist, leiden Frauen und Kinder am stärksten darunter.« Und um genau die kümmerte sich die Medizinerin. Die meiste Zeit arbeitete sie in einem Krankenhaus und versorgte mangelernährte und oder an Malaria erkrankte Kinder. Auch schwangere und frisch entbundene Frauen gehörten zu ihren Patienten. Neben der Arbeit im Krankenhaus machte die Gießenerin auch »Hausbesuche«, was bedeutete, dass sie zwei Stunden durch den Dschungel stapfen musste, um die abgelegenen Dörfer zu erreichen. »Dann haben wir Klinik unterm Baum gemacht.«
Beim nächsten Einsatz wurden aus den Bäumen Palmen. Nach den zehn Monaten in Indien und drei weiteren Jahren in Gießen, in denen Müller für die Uniklinik arbeitete, zog es die 35-Jährige wieder in die Ferne. Haiti. Müller arbeitete in einem Geburtshilfezentrum. »Wir haben uns vor allem um Frauen mit Schwangerschaftskomplikationen und deren Babys gekümmert. Pro Monat kamen 1000 Frauen zu uns in die Klinik, 600 davon waren Notfälle.« Das Problem: Auf Haiti gibt es keine reguläre Schwangerschaftsvorsorge. So wird zum Beispiel Bluthochdruck bei Schwangeren zu spät erkannt, was zu Frühgeburten führen kann. »Die Frauen kamen manchmal schon in der 30. Schwangerschaftswoche zu uns. Die Neugeborenen wogen dann teilweise nur 900 Gramm. Häufig waren Kaiserschnitte nötig.« Müller blieb ein volles Jahr auf dem Inselstaat. »Die lange Zeit war sehr hilfreich. Wir konnten wirklich etwas bewegen und die Situation verbessern. Zum Beispiel im hygienischen Bereich, was gerade für Frühchen mit schwachem Immunsystem sehr wichtig ist.«
Hygiene ist auch im Tschad ein großes Problem, noch schlimmer aber ist der Hunger. Regelmäßig sterben Menschen, weil sie nichts zu essen haben. Die Lebenserwartung der Frauen liegt bei 47 Jahren (in Deutschland 84 Jahre), von 1000 Neugeborenen sterben 124. Hierzulande sind es vier. Auf den Punkt gebracht: Es gibt nicht viele Orte auf der Welt, wo die Menschen mehr leiden als im Tschad.
»Ich habe schon in Indien mangelernährte Kinder gesehen, aber nicht so viele und nicht so ausgeprägt wie im Tschad. Vor allem in der Dürrezeit ist es schlimm.« Kinder, die gerade von der Brust entwöhnt worden seien, hätten es am schwersten: »Sie haben häufig nicht mehr als ein bisschen Mais am Tag. Wenn überhaupt.« Mit ihren Kollegen versuchte Müller, so viele Kinder wie möglich zu retten. Mit Erfolg, auch wenn das in diesem Fall ein relativer Begriff ist. »Wir haben pro Monat rund 200 Kinder behandelt. Wenn weniger als zehn gestorben sind, war das gut.« Müller weiß, dass das den Familien der zehn verstorbenen Kinder keinen Trost bringt, aber ohne eine gewisse Abgeklärtheit könnte sie die Arbeit nicht machen. Doch die Distanz gelingt nicht immer: »Natürlich nimmt einen das mit, die Bilder bleiben im Kopf. Vor allem, weil wir ein sehr familiäres Verhältnis mit den Menschen hatten.«
In die Trauer mischt sich mitunter aber auch Wut. Nämlich dann, wenn die Tode vermeidbar waren – und das sei nicht selten der Fall gewesen. »Man ärgert sich, wenn die Eltern zu spät zu uns kommen, weil sie vorher andere Heilmethoden ausprobiert haben.« Müller schweigt einen Moment, sie will die Menschen nicht in ein falsches Licht rücken, sagt es dann aber doch: »Einige Methoden können helfen. Wunden in die Haut ritzen gehört aber nicht dazu. Deswegen ist Aufklärung so wichtig, auch in Sachen Lebensmittelzubereitung und Familienplanung.«
Trotz der traurigen Erlebnisse liebt Müller das, was sie tut. Die gute Teamarbeit, die reizvolle Landschaft und natürlich das Gefühl, anderen helfen zu können. Dass 10 von 200 Kindern sterben, ist furchtbar. Es heißt aber auch, dass Müller und die anderen Ärzte ohne Grenzen 190 Jungen und Mädchen das Leben retten konnten. Wie heißt es noch gleich in einem afrikanischen Sprichwort? »Der Mensch ist die beste Medizin des Menschen.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Assistenzärzte
  • Bernard Kouchner
  • Berufserfahrung
  • Bluthochdruck
  • Elend
  • Familienplanung
  • Friedensnobelpreis
  • Frühgeborene
  • Gesundheitsfürsorge
  • Universitätsklinikum Gießen und Marburg
  • Ärzte ohne Grenzen
  • Christoph Hoffmann
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos