03. Februar 2012, 16:43 Uhr

Gregor Sander liest in den Marinestuben »Winterfisch«

In der Reihe »Club der jungen Dichter« las auf Einladung des Literarischen Zentrums Gießen Autor Gregor Sander in den Marinestuben aus seinem Erzählband »Winterfisch«.
03. Februar 2012, 16:43 Uhr
Autor Gregor Sander verbreitet auf Einladung des Literarischen Zentrums maritime Melancholie in den Marinestuben. (Foto: dw)

An der Wand hängt ein Bilderrahmen mit Schiffsknoten, nicht weit davon vor einem alten Fischernetz ein Steuerrad aus Holz, eine Schiffsglocke leuchtet auf dem Fensterbrett hinter Gregor Sander. »Ich habe selten in so maritimem Ambiente gelesen, obwohl die meisten Orte wesentlich näher an der Ostsee lagen.«, meint er. Die Ostsee ist der Ort, der Sanders Erzählungen in dem Band »Winterfisch« miteinander verbindet. In den Marinestuben am winterlichen Lahnufer nahm der in Berlin lebende Autor am Donnerstag auf Einladung des Literarischen Zentrums Gießen rund fünfzig Zuhörer lesend mit auf seine Reisen, die in der Gegenwart fußen und doch geprägt sind von der Vergangenheit.

1968 in Schwerin geboren, wuchs Sander in der DDR auf, die ihn mit ihren Einschränkungen, sei es die der Berufswahl oder die Reisefreiheit, prägte. Erst nach dem Mauerfall konnte der ausgebildete Schlosser und Krankenpfleger Medizin studieren. Ob er es wie der Protagonist einer seiner Erzählungen abbrach, weil dort das Leben auf Stoffwechselprozesse einer Zelle reduziert wird, bleibt an diesem Abend offen. Dass die Ostsee nicht nur im »Winterfisch« eine zentrale Rolle spielt, sondern auch in seiner Kindheit, gibt der nach Abschluss der Journalistenschule in Berlin als freier Autor Lebende offen zu. Lesend nimmt er mit zwei seiner Erzählungen sein Publikum mit auf seine Reisen, die nur scheinbar Fluchten aus dem Alltag sind. Den Blick auf die Gegenwart gerichtet, verstrickt er seine Protagonisten in Erinnerungsfetzen. Ihre Schicksale, Kränkungen, Erfahrungen schleichen sich in kleinen, wohldosierten Bemerkungen wie Randnotizen unmerklich in das Bewusstsein der Zuhörer. Mit klarer, bildreicher Sprache entfaltet sich die Blässe eines trüben Himmels und der aufdringliche Geruch von Schweiß – verlieren sich Lebensläufe in der Weite des Meeres und ihren rotierenden Bewegungen. Da wird die Segeltour der Freunde aus Studientagen, die doch nur ein Abenteuer sein sollte, zu einer Reise an die Wendepunkte des Lebens. »Was war, was bleibt?« sei eine zentrale Frage für ihn, berichtet Sander. In »Weiße Nächte« begegnen die Freunde sich selbst; ist der eine längst an der Desillusionierung des Lebens gescheitert, während der andere seine Angst vor dem Meer, dem Leben und der Nacht in Alkohol ertränkt. Die Ostsee sei die Leinwand, der Rahmen der Erzählungen, berichtet Sander, der die Orte der Handlungen, von Kiel bis Kühlungsborn, von Rostock und Rügen bis Finnland, alle bereiste, manche mit den Konturen der Geschichten bereits im Kopf, manchmal völlig offen für das, was ihm dort begegnete.

Der »Winterfisch« der namengebenden Geschichte wird an einem Sommertag in Kiel gefangen, als das Wasser von Quallen wabert, »wie das Sago in der Kirschsuppe der Mutter«. Auch hier scheint die Gegenwart des Anwalts und des alten Fischers ungetrübt von der Vergangenheit. In sanften Wellen entfalten sich die Schicksale der Protagonisten, die von Verlust geprägt sind. Ohne ein Wort trauert der Fischer um seine verstorbene Frau; dass die Frau, die er liebte, seine Liebe nie erwiderte und ihr Glück in den Armen eines anderen fand, will der andere nicht wahrhaben, während dem nur zum Fischfang Aufgebrochenen erst jetzt klar wird, dass auch seine Netze leer sind, die Frau ihn verlassen, die Kinder ihm fremd sind.

Für seinen zweiten Erzählband »Winterfisch« erhielt Sander 2009 beim Bachmann-Wettbewerb den 3sat Preis. In Arbeit ist sein zweiter Roman verrät er und auch, dass der »sicher nicht an der Ostsee« spielen wird. dw

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