10. Juni 2014, 10:58 Uhr

Grande Gala

Die Gala im Stadttheater hatte es am Samstagabend in sich: Gut zwei Stunden abwechslungsreiches Programm boten die Beiträge zur TanzArt ostwest – enthusiastischer Jubel inklusive.
10. Juni 2014, 10:58 Uhr
Der Käpt'n kriegt das Mädchen, in diesem Fall ist es der König: Das Ballett Chemnitz mit Alanna Saskia Pfeiffer und Emilijus Miliauskas als Artus. (Foto: Rolf K. Wegst)

Geboten wurden Kurzstücke aus deutschen Theatern, von der Staatsoper aus Posen (Polen) und von der Guangdong Modern Dance Company Hongkong (China), die mit elf Tänzern gekommen war. Es gibt keine Jury oder Kuratoren für die Vorauswahl, die beteiligten Compagnies bestimmen selbst, was sie schicken. »Das Publikum bekommt auf diese Weise viele unterschiedliche Tanzhandschriften und Konzepte zu sehen, es kann selbst entscheiden, was ihm gefällt«, lautet das Credo des Gießener Ballettdirektors Tarek Assam.

Die Moderation übernahm Assam in diesem Jahr allein, auch um die Gelegenheit zu nutzen, seinen umfassenden Dank auszusprechen für das Gelingen der TanzArt ostwest in Gießen, die bereits zum zwölften Mal stattfindet. Ohne die Unterstützung von Intendantin Cathérine Miville, der zahlreichen Mitarbeiter des Stadttheaters hinter den Kulissen, der Presse und des Publikums hätte aus kleinen Anfängen nicht das werden können, was es heute ist, betonte Assam: »Das größte Tanzfestival in Hessen.«

Den Anfang machte an diesem Abend das Ballett Hagen mit einer »Schwanensee«-Variation; eine TanzErbe-Rekonstruktion wie das Horta-Projekt in Gießen. Der dortige Ballettdirektor und Choreograf Ricardo Fernando kämpfe ebenso gegen Sparzwänge wie es der »bewunderungswürdige Ralph Dörnen« seit Jahren in Greifswald tue, berichtete Assam. Das Ballett Vorpommern hatte ein modernes Duett zu Mozarts Messe in c-Moll mitgebracht. Ein Duo der etwas anderen Art kam aus Koblenz (Steffen Fuchs), Männer in breit gestreiften (Klaviertasten-)Trikots, die zur vierhändigen Klaviermusik auf witzige Weise den Kontrast zwischen klassischem Ballett und zeitgenössischem Tanz demonstrierten.

Jutta Ebnother, die in Gießen vor Jahren schon zu Wilhelm Busch choreografierte und langjährige Teilnehmerin der TanzArt ist, schickte aus Nordhausen Amelie Lambrichts mit dem ausdrucksstarken Solo »Die Absinthtrinkerin«. Das Ballett Chemnitz unter seiner neuen Leitung Reiner Feistel hatte ein zauberhaftes Liebesduett aus »König Artus« geschickt. Ganz besondere Freude dürften die Eltern Pfeiffer daran gehabt haben, die beide am Stadttheater Gießen künstlerisch tätig sind, da sie ihre Tochter Alanna Saskia nun als Profitänzerin auf der Bühne erleben konnten, auf der sie einst im Jugendclub Tanz begonnen hatte.

Danach beeindruckte die Gruppe aus Guangdong (Leitung Willi Tsao, Choreografie Liu Qui) mit ihrem Stück »Voice after«, das keinesfalls exotisch-bunte Folklore bot, wie sie im vorletzten Jahr zu sehen war, sondern Modern Dance zu westlicher Musik. Grundlage bildet ein chinesisches Gedicht über die Natur und die Bedingtheit der Menschen. Es war eine atmosphärisch dichte Darbietung, bei der alle gleichermaßen in dezente, leicht variierte Shirts und sandfarbene Satinhosen gekleidet waren. Das war ein Wogen wie an der See, da flogen Vögel im Wald und die Menschen begegneten einander in Liebe. Chinesische Choreografieanteile zeigten sich in artistischen Sprüngen und filigranen Handbewegungen.

Nach der Pause begeisterte das Ballett Würzburg mit einem präzise getanzten, schnellen Duett zu dramatischer Musik von dem Choreografen Cem Arslan. Mit der Würzburger Ballettdirektorin Anna Vita hatte Assam vor Kurzem in der Stuttgarter Jury für das beste deutsche Tanzsolo gesessen und die Tänzerin ausgezeichnet, die als nächste auftrat: Annamari Keskinen vom Tanztheater Kassel (Johannes Wieland).

Auch Senioren tanzen

Zunächst trat sie als herumspringende Sängerin auf, legte dann noch ein temporeiches Tanzsolo drauf; das war der wohl überraschendste Beitrag des Abends. »Parts« kamen vom Ballett Bremerhaven (Sergei Va-
naev), das waren Duettvariationen zu unterschiedlichen Musiken, etwa traditionell zu Chopin und frech zu den Red Hot Chili Peppers.

Darrel Toulon, Leiter der Alpha Group in Graz, war nach längerer Zeit wieder einmal nach Gießen gekommen und zeigte einen Ausschnitt aus einem besonderen Projekt, das er mit Marialuise Jaska, einst Solotänzerin am Wiener Staatsballett und Choreografin, erarbeitet hatte. Aus dem Off ertönen die Stimmen der beiden, das Gespräch drehte sich um Jaskas Karriere und ihre Wünsche. So hätte die Hochgewachsene immer gern die »Giselle« getanzt, konnte das aufgrund ihrer Körpergröße aber nie tun. Mit Humor und sparsamen Bewegungen deuteten die beiden die entsprechenden Tanzpositionen und -schritte an.

Ein fulminantes Heimspiel hatten Yuki Kobayashi, Endre Schumicky und Magdalena Stoyanova von der Tanzcompagnie Gießen mit »Causa Formalis III« (Tarek Assam). Die Musik kam nicht aus der elegisch-klassischen Abteilung, die an diesem Abend dominierte, sondern war Computersound von Murcorf. Dann folgte Neoklassisches vom Ballett Mainz, dessen Leiter Pascal Touzeau dort seine letzte Spielzeit hat. Der Kontrast von großem Tänzer und sehr kleiner Tänzerin wurde ausgereizt im kargen, von Neonröhren am Boden erleuchteten Raum; Hebe- und Tragefiguren des klassischen Balletts neu interpretiert. Zum Abschluss boten die fünf Gäste von der polnischen Staatsoper Poznan wieder Zeitgenössischen Tanz (Jacek Przybylowicz): zu Renaissance-Musik und in Shakespeare’schen Kostümen zeigten sie moderne, auch erotische Paarkonstellationen.

Fazit: Wieder eine großartige Tanzgala, für die letztlich Tarek Assam zu danken ist. Dagmar Klein



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