28. September 2017, 19:43 Uhr

Glücksspiel

Glücksspiel: So entwicklet sich die Zahl der Süchtigen im Landkreis

Immer mehr Glücksspiel-Süchtige suchen Hilfe bei Gießener Beratungsstelle. Die Maßnahmen der Politik wirken kaum - aus einem bestimmten Grund.
28. September 2017, 19:43 Uhr
Bundesweit »boomt« das Glücksspiel. Maßnahmen der Politik zur Eindämmung wirken kaum, sagen Suchtberater. (Foto: dpa)

Bunte Logos an hohen Pfosten ragen aus den Industriegebieten: Gerade auf dem »platten Land« sprießen immer Spielhallen aus dem Boden. »Je mehr es werden, desto mehr Glücksspielsüchtige gibt es«, sagen Wolfgang Engelking und Matthias Jensen vom Gießener Suchthilfezentrum. Die Zahl derer, die bei ihnen Rat suchen, nehme derzeit wieder »massiv« zu. Maßnahmen der Politik zur Eindämmung wirkten kaum – auch weil die Kommunen, eigentlich für Kontrollen zuständig, über Steuereinnahmen direkt von Spielautomaten profitieren.

Eine gefährliche Droge

Engelking hat auch mit Heroinabhängigen oder Kiffern gearbeitet. Über das »Daddeln« an Automaten sagt er: »Diese Droge hat das höchste Suchtpotenzial.« Hauptgründe seien »Erreichbarkeit, relative Anonymität, Ereignisfrequenz«. Beim Aktionstag der Landesstelle für Suchtfragen sollten Seltersweg-Passanten schätzen, wie viel Geld Betroffene allein in Hessen jeden Monat an Automaten verspielen. Die schockierende Antwort: 38 Millionen Euro. Folgen können sein: finanzieller Ruin, Beschaffungskriminalität, Vernachlässigung von sozialen Beziehungen oder Suizidversuche, so die Experten.

Das Gießener Suchthilfezentrum kümmert sich seit 28 Jahren um Menschen, die nicht mehr vom Spielen loskommen. Anfangs zählte es jährlich fünf bis zehn Klienten in diesem Bereich. Heute seien es 100 bis 120, so Engelking. Nur einen »kleinen Knick« bewirkte die im Jahr 2014 eingeführte »Selbstsperre«. 14 000 Menschen in Hessen nutzten bisher diese Möglichkeit, sich vor einem Rückfall zu schützen. Hilfreich sei sie vor allem für diejenigen, für die eine Halle zum »Ersatz-Wohnzimmer« geworden sei.

Wer gewinnt, hat verloren

Wie die Industrie reuige Süchtige und jungen »Nachwuchs« in Versuchung führt, erklärt Jensen an einem Beispiel: Im Raum vor der eigentlichen Spielhalle befindet sich ein »Bistro«. Der Weg zur Toilette führt an Spielautomaten vorbei. »Gerade guckt mal keiner hin, und man wirft schnell eine Münze ein...« Dort wie auch im Internet habe man anfangs oft schnell Erfolg – doch bald sänken die Gewinnchancen. Engelking drückt es so aus: »Wenn Sie gewinnen, haben Sie so gut wie verloren.«

Zwar sei das Bewusstsein für die Gefahren gewachsen. Doch für Jugendliche auf dem Land seien »Spielotheken« oder Autobahnraststätten mit Automaten beliebte Treffpunkte, ergänzt Jensen. »Das Problem kommt zu den Leuten.« In der Stadt Gießen sei die Zahl der Anbieter stabil bei knapp 30. Zwar trat diesen Sommer das hessische Spielhallengesetz in Kraft, das 300 Meter Abstand vorschreibt und Mehrfachkonzessionen verbietet. Doch das habe in Gießen keine Auswirkungen, erklärte der Magistrat schon im Februar.

Zwei Drittel clean

Was passiert in der Beratung und Therapie? »Wie bei allen Süchten geht es letztendlich um eine Entscheidung«, erklärt Wolfgang Engelking. Was nicht heißt, dass sich die Betroffenen einfach von ihrer Abhängigkeit lösen können. »Die Leute müssen ihre eigene Ambivalenz bearbeiten und oft vieles in ihrem Leben verändern.« Wer Hilfe sucht, habe gute Chancen, dass das gelingt. Untersuchungen zufolge seien rund zwei Drittel der Ratsuchenden nach einem Jahr »clean«.

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