23. November 2018, 22:05 Uhr

Gießens Stadtkirche wird 125

Die Johanneskirche feiert am kommenden Wochenende ihr 125-jähriges Bestehen mit einem großen Fest. Dass dabei der Blick nicht nur auf die Historie, sondern vor allem in die Zukunft gerichtet ist, belegt, dass sich die Kirche auf den Weg macht, Gießens Stadtkirche zu werden.
23. November 2018, 22:05 Uhr
Aus den Anfangsjahren der Johanneskirche stammt diese nicht mehr genau zu datierende Abbildung. (Foto: Stadtarchiv)

Bei einem Jubiläum richtet sich der Blick meist zurück. Dazu hätten die Verantwortlichen der Johanneskirche auch jede Menge Gelegenheit, schließlich besteht die Kirche seit 125 Jahren. Doch das Fest, das man vom 30. November bis 2. Dezember ausrichtet, blickt mit Konzerten, Vortrag und Diskussion mehr auf Gegenwart und Zukunft. Ein von dem Holzheimer Matthias Patzschke im Auftrag des Fördervereins der Johanneskirche gedrehter Imagefilm zeigt in der zehnminütigen Kurzversion, was die Kirche aktuell ausmacht – nicht nur in Bezug auf die erst kürzlich vollendete Innenraumsanierung, sondern auch in dem Sinne, was die Kirche den Menschen bedeutet. In der rund 40-minütigen Langversion, die zu einem späteren Zeitpunkt veröffentlicht wird, gibt es zusätzlich noch einen Blick auf die Geschichte der Kirche und eine Würdigung ihrer kunsthistorischen Bedeutung sowie als Wahrzeichen der Stadt.

Den Imagefilm, der bei den Veranstaltungen am kommenden Wochenende gezeigt und zum Preis von 5 Euro als DVD erworben werden kann, präsentierten nun die beiden Pfarrer Michael Paul (Johannesgemeinde) und Matthias Weidenhagen (Lukasgemeinde) gemeinsam mit Wolfgang Launspach vom Förderverein, dem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Gottfried Cramer und Filmer Matthias Patzschke.

Vortrag zur Zukunft der Kirche

Zum Festprogramm gehört neben einem Adventskindermitmachkonzert mit Uwe Lal (30. November, 15 Uhr, Eintritt frei) auch eine Vortragsveranstaltung mit dem Leipziger Theologieprofessor, Universitätsprediger und Domherr zu Meißen, Prof. Peter Zimmerling (2. Dezember, 15 Uhr). Sein Thema lautet »Zukunft der Kirche« und es wird ausdrücklich Gelegenheit zur Diskussion gegeben. Zwei Konzerte runden bei ebenfalls freiem Eintritt das Festwochenende ab: Am Samstag, 1. Dezember, 20 Uhr, tritt der Gießener Gospelchor auf; am Sonntag, 2. Dezember, 10 Uhr, gibt es einen musikalischen Festgottesdienst mit der Kantorei der Johanneskirche, Kantor Christoph Körber und einer in Anlehnung an den Einweihungsgottesdienst vor 125 Jahren gehaltenen Dialogpredigt der beiden Pfarrer Michael Paul und Matthias Weidenhagen.

Dass die zwei Pfarrer gemeinsam predigen, ist ein Zeichen für die besondere Situation der Johanneskirche als Gotteshaus zweier Gemeinden. In den 1880er Jahren platzte die damals einzige Gießener Stadtkirche, von der heute nur noch der Turm am Kirchenplatz erhalten ist, aus allen Nähten. 18 000 Gemeindeglieder teilten sich ihre Benutzung, ein neues Gotteshaus musste errichtet werden. Für die Lukas- und Johannesgemeinde wurde zwischen 1891 und 1893 eine gemeinsame Kirche an der Ecke Südanlage/Goethestraße errichtet. Am 30. November 1893 konnte man in Anwesenheit von Großherzog Ernst Ludwig, dem Oberhaupt der Evangelischen Landeskirche in Hessen, Einweihung feiern. Den Zuschlag hatte der Architektenentwurf von Griesebach/Dinklage im Stil der Neorenaissance, einem historistischen Mischstil aus Gotik und Renaissance, erhalten. Die Kirche ist nicht geostet, da sie in das bereits bestehende Straßensystem eingefügt werden musste. Licht fällt durch die Fenster des Seitenschiffs. Das größte Fenster, die Rose über dem Portal, zeigte Engelscharen. Kaum ein Element der ursprünglichen Ausstattung der Johanneskirche hat den Lauf der Zeit überstanden, auch wenn die Kirche im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurde. Lediglich die Originalfenster waren beim Bombardement am 6. Dezember 1944 zu Bruch gegangen. Doch spätere Renovierungen haben ihr Erscheinungsbild verändert. In den Sechzigerjahren wurden der Terrazzoboden durch einen Belag aus Muschelkalk sowie der Altartisch ersetzt, Wand- und Gewölbemalereien entfernt und alle Flächen in neutralem Weiß-Grau gestrichen. Die Farbfenster hat der Marburger Künstler Erhardt Klonk gestaltet. Nach der umfangreichen Renovierung des Kircheninnenraums in den Jahren 2013 und 2017 mit der sehr zurückhaltenden hellen Wandfarbe kommen sie wieder besonders gut zur Geltung.

Nachdem technische Mängel an der Heizung, Estrich oder Anstrich beseitigt worden waren, wurde der Kircheninnenraum ab 2013 neu gestaltet. Die Johanneskirche erhielt einen neuen Eingangsbereich, die Kirchentüren wurden von ihrer Kupferbeplankung befrei, der Altarraum umgestaltet und das Kirchenmobiliar größtenteils ersetzt. Bildhauer Georg Hüter konnte einen Wettbewerb für sich entscheiden und nutzte den Muschelkalkstein des bisherigen Altars, um daraus einen neuen Altartisch zu meißeln. Darauf steht nun ein filigranes Kreuz aus Bronze.

Samstag und Sonntag geöffnet

Georg Hüter ist einer derjenigen, die Patzschke für den Imagefilm der Johanneskirche interviewt hat. In diesem wird auch Bezug auf die gerade an der eher nüchtern wirkenden Ausführung des Kreuzes laut gewordene Kritik genommen. Hauptsächlich geht es jedoch um die Bedeutung des Kulturdenkmals Johanneskirche, das mit seinem 72 Meter hohen Turm, seiner kirchenmusikalischen und gemeindlichen Arbeit (Lukasgemeinde: 3000, Johannesgemeinde 1500 Mitglieder) und seiner Funktion als Stadtkirche maßgeblichen Einfluss auf Gießen und seine Bewohner hat.

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