Stadt Gießen

Gießens Schönheit bei Nacht

Gießen (srs). Ihren Schlaf machte die Künstlerin Maria Isabel Hagen im März 2015 zum öffentlichen Ereignis. Nun präsentiert GAZ-Fotograf Oliver Schepp einen ganzen Kalender mit Motiven der Performance-Künstlerin. Eine Bildauswahl.
30. Juni 2016, 17:33 Uhr
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Wie im Traum: GAZ-Fotograf Oliver Schepp und seine Kalender-Motive.

Direkt vor einem Schaufenster in der Grünberger Straße legte sie sich auf eine Matratze, kuschelte sich in ihre Decke ein – und draußen blieben Passanten irritiert stehen, schauten ihr beim Schlummern zu oder klopften ans Fenster. Den Inbegriff der Privatsphäre stellte die Künstlerin aus. Ihre Performance faszinierte viele Gießener – auch den Fotografen der Gießener Allgemeinen Zeitung, Oliver Schepp. Für einen Kalender hat er nun Maria Isabel Hagen aufgenommen, wie sie sich an öffentlichen Plätzen wie zum Beispiel vor dem Stadttheater und am Elefantenklo zu Bette legt. Seine Bilder sind von hohem künstlerischen Wert – und zeigen gleichzeitig die Schönheit Gießens bei Nacht.

»Schlafende (und Tote) sind nur Gemälde«, hielt Friedrich Schiller einmal fest. Und auch im Kalender Oliver Schepps erinnern die Fotografien mit der schlafenden Maria Isabel Hagen im Vordergrund bisweilen an Gemälde. »Die Schlafperformance von Maria Isabel im März vor einem Jahr und auch die Reaktionen der Fußgänger fand ich interessant, spannend und einfach auch witzig«, erinnert sich Schepp. Er schlug der Künstlerin daher vor, für eine Fotoserie die Performance an anderen Orten in Gießen gewissermaßen fortzusetzen. Zwischen März 2015 und März 2016 posierte Hagen, die als Dramaturgin, Tanz- und Performance-Künstlerin in ganz Deutschland tätig ist, für die Kalenderbilder schließlich unter anderem vor dem Alten Schloss, am Selterstor und am Schwanenteich. Eine der schönsten Aufnahmen entstand gleich zu Beginn an den blühenden Magnolien vor dem Stadttheater.

Immer wieder erscheint in den Fotografien Gießen wie im Traum – und bekannte Orte leuchten in völlig neuem Licht. Für ein Bild posiert Hagen zum Beispiel auf einem Hausdach in der Bruchstraße. Wie eine Schlafwandlerin – oder wie ein Gespenst – schwebt sie durch die graue schneeverhangene Winterlandschaft des Alten Friedhofs. Still und friedlich liegt sie als Model außerdem am Oberen Hardthof nahe eines kleinen Weihnachtsbaums. Nicht immer sei das Fotografieren angenehm gewesen. »Am Schwanenteich hat es unglaublich geregnet, alles war klatschnass«, erzählt Schepp. Und immer wieder habe das Fotografieren an die ursprüngliche Schlafperformance Hagens erinnert – wenn Passanten zum Beispiel am Elefantenklo irritiert und neugierig stehen blieben.

Dunkel ist der nächtliche Himmel auf den Fotografien, aufgenommen zumeist zur blauen Stunde. Und doch sind die Aufnahmen oftmals lichtdurchflutet – dank Langzeitbelichtung. »Noch vor einigen Jahren wären solche Bilder technisch nicht möglich gewesen«, erklärt Schepp. Mithilfe von modernster Ausrüstung, Blitzlicht und von zusätzlichen Lichtquellen gelangen die Bilder jedoch mit einer Belichtung von maximal 30 Sekunden. So konnte Maria Isabel Hagen für die Aufnahmen regungslos liegen, ohne dass Verwacklungen entstanden.

Die ersten 15 Exemplare des Kalenders in hochwertiger Druckqualität im Format DIN A3 sind bereits am Sonntag zu erwerben. Im Rahmen des Kunstspectaculums »Fluss mit Flair« ist Oliver Schepp nämlich mit einem eigenen Stand vertreten. Die Kalender wird er auf Wunsch gerne signieren. Erhältlich sind außerdem Originalabzüge der Fotografien in verschiedenen Größen mit Passepartout und Rahmen. Die ersten 15 Kalender kosten 35 Euro, weitere Exemplare dann 39,90 Euro. Fünf Euro aus dem Verkauf gehen jeweils an den Arbeitskreis für Behinderte. Ab dem 4. juli ist der Kalender bei den GAZ-Geschäftsstellen erhältlich.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/stadtgiessen/Stadt-Giessen-Giessens-Schoenheit-bei-Nacht;art71,113201

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