12. Oktober 2018, 19:00 Uhr

Hambacher Forst

Gießener protestieren im Hambacher Forst

Auch viele Gießener fahren in den Hambacher Forst und protestieren gegen die Abholzung. Darunter Lion und Patricia.
12. Oktober 2018, 19:00 Uhr
Teilnehmer der Demonstration zum Thema »Wald retten! Kohle stoppen!« sitzen an der Abrisskante des Hambacher Tagebaus. Auch Lion und Patricia aus Gießen waren dabei. (Foto: dpa)

Lion steht an der Abbruchkante. Hinter ihm liegt der Hambacher Forst. Ein 12 000 Jahre alter Wald, in dem unter anderem streng geschützte Arten wie Bechsteinfledermaus, Springfrosch und Haselmaus zu Hause sind. Und Aktivisten, die Baumhäuser in Eichen und Buchen gezimmert haben. Direkt vor Lions Nase klafft hingegen ein riesiges Loch. »Wie eine Mondlandschaft«, sagt der Gießener. Was sich da vor ihm ausbreitet, ist der Tagebau Hambach, in dem der Energiekonzern RWE gräbt und gräbt. Lion ist von Gießen ins Rheinland gekommen, um zu verhindern, dass sich das restliche Waldstück ebenfalls in eine Mondlandschaft verwandelt. Denn neben Aktivisten und Fledermäusen ist in dem Wald noch etwas anders zu finden: Braunkohle.

 

Symbol des Widerstands

 

Längst ist der Hambacher Forst zu einem Symbol des Widerstands geworden. Gegen den Braunkohle-Abbau, aber auch gegen die Ausbeutung der Natur im Allgemeinen. Gegen die Auswüchse des Kapitalismus und die Macht der großen Konzerne im Speziellen. »4000 Polizisten sind im Einsatz, damit der RWE-Konzern hier Kohle abbauen kann. Es geht nur noch ums Geld. Das macht einen hilflos«, sagt Patricia, die sich an diesem Vormittag mit Lion in der Wieseckaue getroffen hat. Auch sie war bereits mehrfach im Hambacher Forst.

 

50000 Menschen bei Demo

 

Zuletzt am 6. Oktober im Zuge der Großdemonstration, bei der laut Veranstalter über 50 000 Menschen gegen die Abholzung protestiert haben. Nicht nur linke Aktivisten, wie Patricia betont. »Auch viele Familien mit Kindern waren da. Senioren ebenfalls. Und Anwohner. Sie haben die Demonstranten auch mit Nahrung und Sachspenden versorgt.« Lion nickt zustimmend: »Am Anfang waren es vor allem linke Aktivisten, die sich für den Wald starkgemacht haben. Heute demonstriert auch die Zivilgesellschaft gegen die Abholzung.«

 

Symbolisch Baum auf Seltersweg besetzt

 

Patricia und Lion gehören zu einer Gruppe von Menschen, die sich zum »Hambi Bündnis Gießen« zusammengeschlossen haben. Anfangs trafen sie sich zum Gedankenaustausch, später besetzten sie symbolisch einen Baum im Seltersweg und verteilten Flyer. Auch an einer Demo in Frankfurt nahmen sie teil. »Eigentlich war das eine rein lokale Sache«, sagt Patricia. Einige Mitstreiter seien zwar immer wieder mal in den Hambacher Forst gefahren, aber nie als geschlossene Gruppe. Das änderte sich, als die Großkundgebung in der vergangenen Woche anstand. Die Gießener Linke organisierte einen Bus, Greenpeace ebenfalls. Doch die Sitze reichten nicht aus, um allen Reisewilligen Platz zu bieten. Und so bemühte sich das »Hambi Bündnis Gießen« um einen dritten Bus. »Wir waren überrascht, aber auch sehr erfreut über die hohe Nachfrage«, sagt Patricia.

 

Vorwurf der Polizeigewalt

 

Die Bilder von der Großdemonstration vermitteln einen friedlichen Eindruck. Bunte Fahnen, originelle Plakate, spielende Kinder. Doch es gibt auch eine andere Seite, die vor allem in den Wochen zuvor für Aufregung sorgte. Lion erzählt von einem unverhältnismäßigen Einsatz der Polizei, von Gewalt gegen friedliche Menschenketten und Sitzblockaden. »Teilweise waren die Polizisten sehr brutal.« Zur Wahrheit gehört aber auch, dass nicht alle Demonstranten zimperlich mit den Polizisten umgegangen sind. Die Beamten wurden beleidigt und mit Fäkalien beworfen. Wenig Schlaf, ständige Zwölf-Stunden-Dienste: Eine immense Stresssituation für die Polizisten. Das hat auch Patricia beobachtet.«Ich habe eine weinende Polizisten gesehen, die ausgetauscht werden musste. Viele waren psychisch überfordert.« Die Polizeigewerkschaft hatte damit schon im Vorfeld gerechnet. Unter anderem deswegen forderte sie von Wirtschaft und Politik, auf die Rodungen zu verzichten. Ohne Erfolg.

 

Gerichtsurteil als Teilerfolg

 

Doch dann meldete sich die Justiz zu Wort. Das Oberverwaltungsgericht hat vor einer Woche in einer Eilentscheidung überraschend beschlossen, dass RWE bis zu einer Entscheidung im Hauptsacheverfahren keine weiteren Bäume abholzen darf. Ein Teilerfolg für die Demonstranten. Und auch der ein oder andere Polizist dürfte das Urteil erleichtert zur Kenntnis genommen haben.

Wie es mit dem Hambacher Forst auch weitergeht: Patricia und Lion wollen sich weiter einsetzen. Für Umweltschutz, gegen Kapitalismus. »Wir befinden uns an einem kritischen Zeitpunkt der Menschheit«, sagt Lion. »Wir sind verantwortlich dafür, wie die Welt aussieht, wenn unsere Kinder aufwachsen.« Für Lion und Patricia ist die Abrisskannte am Hambacher Forst daher mehr als eine Trennung zwischen Wald und Tagebau. Für die beiden Gießener ist sie ein Scheideweg.

Info

RWE gehört der Wald

Der Hambacher Forst liegt im Südosten des Braunkohle-Tagebaus Hambach zwischen Aachen und Köln. Vor Beginn der Kohleförderung war der Wald 4100 Hektar groß, mittlerweile wurden nach Angaben von RWE 3900 Hektar für den Tagebau gerodet. Jetzt will der Energiekonzern mehr als die Hälfte des übrig gebliebenen Waldes fällen, um weiter Kohle baggern zu können. Gegen die Abholzung gibt es Proteste. Rodungsgegner haben den Hambacher Forst in Baumhäusern besetzt. Nach Angaben des Umweltverbands BUND gibt es in dem Gebiet Vorkommen streng geschützter Arten und jahrhundertealte Bäume. Der Protest richtet sich auch gegen den Abbau von Braunkohle allgemein. RWE argumentiert, die Abholzung sei nötig, um die Stromproduktion zu sichern. RWE ist Besitzer des Waldes.

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