19. November 2018, 10:22 Uhr

Schulen

Gießener Schulen: Posse um Schülertickets

Eltern von Gießener Schülern können eine Kostenübernahme für die Schulwegbeförderung beantragen. Was danach kommt, ist eine echte Posse.
19. November 2018, 10:22 Uhr
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Von Jens Riedel
Irrungen und Wirrungen bei der Beantragung von Schülertickets: Dies erlebt eine Gießener Familie. Erst wird der Antrag abgelehnt, dann doch genehmigt. Nach einem Umzug in ein wenige Meter entferntes Haus werden die Tickets schließlich wieder gesperrt. (Foto: jri)

Eigentlich wollte Sabine M. (Name von der Redaktion geändert) für ihre Tochter zunächst gar keinen Antrag auf Kostenübernahme für die Schulwegbeförderung stellen. Doch als ihr Kind die 7. Klasse der Gesamtschule Ost besucht, überlegt Sabine M, die im Wohngebiet Schlangenzahl in der Siegmund-Heichelheim-Straße wohnt, dass ein vom Schulverwaltungsamt bezahltes Schülerticket doch nützlich für ihr Kind sein könnte. Das Ticket kostet normalerweise pro Jahr 365 Euro; es gilt im gesamten öffentlichen Nahverkehr einschließlich der Züge im Rhein-Main-Gebiet.

Also füllt Sabine M. einen Antrag aus – und bekommt ein paar Wochen später eine Ablehnung mit der Begründung, der Schulweg von der Siegmund-Heichelheim-Straße zur Ostschule sei nur 2,9 Kilometer lang. Erst ab 3,0 Kilometern werden für Mittelstufenschüler die Kosten übernommen. »Nicht schlimm, dann gibt es also kein bezahltes Ticket«, denkt sich Sabine M. – bis sie einige Tage später mit ihrer Doppelhaus-Nachbarin spricht. »Komisch, mein Sohn ist ebenfalls Ostschüler und hat das Schülerticket bezahlt bekommen. Seinem Antrag wurde stattgegeben, weil die Entfernung knapp über drei Kilometer beträgt«, sagt die Nachbarin.

Das wurmt Sabine M., die nach eigenen Worten über einen »ausgeprägten Gerechtigkeitssinn« verfügt. Sie gibt die Schulweg-Strecke (Schlangenzahl – Wartweg – Aulweg – Altenfeldsweg – Alter Steinbacher Weg Ostschule) in mehrere Routenplaner ein und erhält stets 3,1 Kilometer als Ergebnis. Also legt die zweifache Mutter schriftlich Widerspruch gegen den Bescheid ihrer Tochter ein und beantragt gleichzeitig die Fahrtkostenübernahme für ihren Sohn, der inzwischen ebenfalls auf die Ostschule gewechselt ist. Sie begründet das Widerspruchsschreiben mit dem Hinweis auf eine »ungerechtfertigte Ungleichbehandlung«, da dem Nachbarskind im gleichen Haus die Kostenübernahme genehmigt wurde.

Das Schulverwaltungsamt lenkt ein: »Wir haben unser Vermessungsamt beauftragt, die Wegstrecke von Ihrer Haustür bis zum Eingang der Gesamtschule Gießen-Ost zu vermessen. Die Strecke beträgt 3040 Meter. Aus diesem Grund heben wir den alten Bescheid auf.«

Sabine M. ist zunächst zufrieden. Zwar sind seit der ersten Antragsstellung rund sieben Monate vergangenen, doch nun hat sie die Zusage, dass ihr die Schülertickets für beide Kinder ein paar Wochen später in den Sommerferien zugeschickt werden. Doch dies geschieht nicht. »Ich habe deshalb Ende August wieder beim Schulverwaltungsamt angerufen. Dort entschuldigte man sich und sagte, ich solle die Schülertickets im Servicezentrum der Stadtwerke am Marktplatz abholen. Zeitgleich habe ich das Amt informiert, dass wir im Oktober eine Straße weiter in die Georg-Haas-Straße ziehen«, sagt Sabine M. Alte und neue Wohnung liegen übrigens nur einen Steinwurf voneinander entfernt: Der Garten der neuen Wohnung grenzt direkt an den Garten der zuvor bewohnten Doppelhaushälfte an.

 

Wie gewonnen, so zerronnen

Am 3. September dieses Jahres holt Sabine M. die Schülertickets – um die sie fast ein Jahr lang gerungen hat – bei den Stadtwerken ab. Doch wie gewonnen, so zerronnen: Nur drei Tage später erhält Sabine M. erneut Post vom Schulverwaltungsamt, und ihr fällt beim Lesen fast das Blatt herunter: »Vielen Dank für Ihre Umzugsmeldung vom 29. August. Wir haben das Vermessungsamt mit der erneuten Vermessung des Schulwegs beauftragt. Da der Fußweg ab dem 1. Oktober von der Georg-Haas-Straße zur Ostschule mit 2960 Metern unter der zumutbaren Fußweggrenze von drei Kilometern liegt, werden die Schülertickets von uns zum 1. Oktober gekündigt.« Sprich: Die Chipkarten auf den Tickets werden gesperrt. Die Tickets können nicht mehr genutzt werden.

Nur sechs Tage hat das Amt gebraucht, um die Tickets abzuerkennen – die Beantragung hat dagegen rund ein Jahr gedauert. Sabine M. kann sich ein Lachen nicht verkneifen: »Das ist schon eine Posse. Aber immerhin sind meine Kinder nun zumindest für drei Wochen in den Genuss eines bezahlten Schülertickets gekommen.«

Und was sagen Vermessungs- und Schulverwaltungsamt dazu? »Das Messergebnis war äußerst knapp, aber irgendwo muss man die Grenze ja ziehen«, meint Friedhelm Skib, Leiter des Vermessungsamtes. Das deutsche Recht sei zuweilen für Bürger schwer nachvollziehbar. Uta Hinkelbein vom Schulverwaltungsamt bedauert zumindest, dass die Familie so lange auf die Tickets warten musste. Dies habe unter anderem auch an Lieferschwierigkeiten der Druckerei gelegen. Die Familie könne aber gerne noch rückwirkend Kosten geltend machen, die sie für den Kauf der regulären Busfahrscheine hatte, als sie noch in der Siegmund-Heichelheim-Straße wohnte.



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