31. Mai 2011, 13:15 Uhr

»Gießener Ring« erkundet Heimatgefühle

Die Veranstaltungsreihe »Gießener Ring« präsentiert Künstler mit Gießener Wurzeln und fragt nach, was sie mit der Stadt verbindet.
31. Mai 2011, 13:15 Uhr
Die Macher hinter dem Projekt »Gießener Ring«. (Foto: acs)

Eigentlich fing alles mit einer Party an. Doch als Sebastian Schmidt und Philipp Triebel in der Kümmerei ihr Anliegen vortrugen, bekannte Gießener Elektro-Musiker für einen Abend in die alte Heimat zurückzuholen, zog ihr Vorhaben weitaus größere Kreise, als die beiden am Anfang angenommen hatten. Nur »What the Fuck is Heimat?«, der provokante Titel des am 11. Juni im MuK stattfindenden Musik-events, ist geblieben. Die Idee, die dahinter steckt, hat sich längst verselbstständigt. Fest steht jetzt: Die Party ist gesichert und aus der anfänglichen Frage, was denn eigentlich Heimat sei, ist eine bunte Veranstaltungsreihe geworden, die das mit so unterschiedlichen Assoziationen besetzte Gefühl facettenreich aufgreift.

In Anlehnung an die Ausstellung »Frankfurter Kreuz«, die vor einigen Jahren in der Kunsthalle Schirn zu sehen war, lag der Name für die Gießener Neuinterpretation so gut wie auf der Hand. Ähnlich wie in Frankfurt wird auch der »Gießener Ring« als Metapher für das stetige Kommen und Gehen im Kulturbetrieb genutzt. »Es ist wie mit einer Umlaufbahn«, erläutert Kümmerer Jörg Wagner im Pressegespräch. »Manche bleiben hängen, manche schießen raus und andere werden einfach nur angezogen.«

Die in den Sommermonaten stattfindende Veranstaltungsreihe macht es sich zur Aufgabe, all jene Gießener Künstler, die es einst aus den Grenzen der Stadt gespült hat, für einen Abend zurückzuholen. Denn die These der Veranstalter ist ebenso nüchtern wie klar: »Wer Größeres vorhat, bewegt sich weg von der Stadt.«

Und wie es so ist, wenn man sich lange nicht gesehen hat: Der Gesprächsbedarf ist groß. Passend zum Thema Heimat wird am Freitag, 3. Juni, ein Kaffeekranz in den Räumen der Kümmerei den Auftakt machen, bei dem die Kooperationspartner einen Vorgeschmack auf die kommenden Veranstaltungen geben und beteiligte Künstler über ihr ganz persönliches Heimatgefühl plaudern. Ab 19 Uhr ist eine Ring-Lounge mit DJ Justus Köhncke geplant, für die man sich einige »Überraschungsgäste« aufgespart hat, wie im Pressegespräch zu erfahren war.

Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat folgt dann am Samstag, 4. Juni, mit einer Ausstellung im Neuen Kunstverein von zeitgenössischen Künstlern, die einen wichtigen Teil ihres Lebens in Gießen verbracht haben. Künstler wie Justus Köhncke (Berlin), Jan Schüler (Düsseldorf) und Arnika Müll (Paris) werden die winzigen Räumlichkeiten des Kunstvereins von Juni bis August in eine Art Zeitkapsel verwandeln und den Betrachtern so ihre Position zum Thema Heimat näherbringen. Dabei hat Ingke Günther, die zweite Vorsitzende des Vereins, Wert darauf gelegt, die Fragestellung bewusst offen zu halten und fügt mit einem Lächeln hinzu: »Fest steht nur, es wird sehr eng und heimelig werden.«

Auch zwei bekannte Autoren konnten die Veranstalter des »Gießener Ring« für sich gewinnen. Der Schriftsteller Volker Thönnes, der über zehn Jahre in Gießen verbracht hat und nun die Lahn- gegen die Elbmetropole Hamburg getauscht hat, wird am 20. Juni im Jokus sein neues Buch »Anleitung zur Frühdemenz« vorstellen. Verraten sei nur so viel: Thönnes mag es mit schwarzem Humor und nimmt die Absurditäten der Schöpfung mit viel Wortwitz und der nötigen Dosis Sarkasmus aufs Korn.

Politisch korrekter, oder vielleicht einfach nur politischer, geht es bei Georg Maier zu. In Gießen geboren hat der Autor vor allem seine Erinnerungen aus der Zeit der 68-er-Revolution in seine Romane mit einfließen lassen. Allein sein Erstlingswerk mit dem Titel »Alle waren in Woodstock - außer mir und den Beatles« wurde von der Literaturkritik mit Lobesbekundungen überhäuft. Präsentiert vom Literarischen Zentrum Gießen wird Georg Maier zusammen mit seinem Verleger Volker Dittrich am authentischen Ort im Ulenspiegel Auszüge aus seinen Romanen zu Beatles-Musik und mit Originalfotos aus der Zeit der damaligen Gießener Protestszene zum Besten geben.

Wenn die Rechnung der Veranstalter aufgeht, könnte man sich vielleicht schon in zwei Jahren eine Neuauflage des »Gießener Ring« vorstellen, verrät Sadullah Gülec von der Gießen Marketing GmbH, die ebenfalls am Projekt beteiligt ist. »Man stößt auf so viele Namen, die alle etwas mit Gießen zu tun haben, da ist auf jeden Fall noch Potenzial vorhanden«, stellt Gülec in Aussicht. Und Kümmerer Jörg Wagner ergänzt, dass dann hoffentlich auch die Theaterwissenschaftler mit ins Boot geholt werden können, was aufgrund des geringen Planungszeitraums im ersten Anlauf leider nicht geklappt hat.

Mit Philipp Triebels Blog-Idee »Heimat.fm« schließt sich alsdann der Kreis. Heimatfragen künstlerisch anzugehen, sei sein Anliegen, das er mit Videosequenzen, in denen Künstler Stellung zum Thema Heimat nehmen, verwirklich will. Bei so viel Engagement für die Heimat verwundert dann schon die Frage, warum der Stadt an der Lahn ein so schlechter Ruf vorauseilt. Kümmerin Manuela Weichenrieder formuliert es mal anders herum: »Eigentlich ist Gießen ein total künstlerisches Pflaster«. Recht hat sie.

Anne Carine Schmidt

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