23. Mai 2018, 10:48 Uhr

Kostprobe

Gießener Restaurant »Geschmacksverkehr« im Test

Gießen hat einen neuen Place to be: Das Lokal »Geschmacksverkehr« am Kugelbrunnen. Das Prädikat: alles, außer gewöhnlich.
23. Mai 2018, 10:48 Uhr
Dimitri Skartsanis (Mitte) wird im Geschmacksverkehr von seiner Familie professionell in der Küche unterstützt – hier mit Tante Kostula und seinem Cousin. (Foto: Christian Lademann)

Gießen hat eine neue Adresse für gutes Essen: Am Kugelbrunnen hat Dimitri Skartsanis sein neues Lokal Geschmacksverkehr eröffnet. Und das sorgte sofort nach der Eröffnung für Gesprächsstoff. »Ich will alles richtig machen, ich mag keine halben Sachen«, sagt der 35-Jährige. Schaut man sich die aktuellen Bewertungen im Internet einmal näher an, dann hat er offenbar ziemlich viel richtig gemacht: Schon jetzt entwickelt sich das Geschmacksverkehr zum Place to be. Das Prädikat: alles, außer gewöhnlich.

Olivenbäume ein paar Meter entfernt vom Kugelbrunnen? Schon allein durch die beiden mächtigen Gewächse, die die Außenfläche des Geschmacksverkehrs optisch einfassen, fühlt man sich in mediterrane Gefilde versetzt. Frische Kräuter in Töpfen statt Blumenvasen auf den Tischen und türkisfarbene Windlichter runden das Bild ab. Schon hier draußen merkt man: Das Geschmacksverkehr ist mehr als nur ein Lokal. Wer die Innenräume betritt, sieht schnell: Hier steckt ganz viel Liebe zum Detail drin.

 
Fotostrecke: Das »Geschmacksverkehr« eröffnet am Gießener Kugelbrunnen

»Was ist das hier eigentlich?«, mag sich so mancher Gast fragen: »Der Innenraum einer Kapelle? Ein altes Gaswerk? Ein moderner Weinkeller? Ein Designer-Möbelhaus? Gar ein Museum?« Tatsächlich ist das Geschmacksverkehr von allem etwas. Das Interieur sucht seinesgleichen, und auch beim x-ten Besuch kann man noch neue Details und Spielereien entdecken. Samtene Couchen und Sessel in verschiedenen Farben treffen auf goldene Rohrleitungen, große Glühbirnen, opulente Kronleuchter, lederne Barhocker und verspielte Tische ? mal in Holzoptik, mal bunt, mal mit liebevoll dekorierten Schubladen unter Glas. Shabby Chic trifft Retro-Style.

Besonderer Kniff: Die Bar in der Motorhaube eines alten indischen Taxis, das im Eingangsbereich des Lokals direkt ins Auge fällt. Gefüllt mit Flaschen edler Tropfen und jeder Menge Korken, umrahmt von alten Weinkisten hat Skartsanis hier einen besonderen Blickfang geschaffen ? funktionierende Frontlichter inklusive. Wer jetzt denkt, er hat alles gesehen, sollte unbedingt den Weg ins Obergeschoss auf sich nehmen und auch auf der Treppe einmal nach links und rechts schauen. Oben dann: Bar, Wohnzimmer und Bibliothek zugleich, jedes Detail auch hier perfekt arrangiert. Nichts wirkt hier zufällig, man fühlt sich durch den gelungenen Materialmix heimelig und gleichzeitig wie im Hochglanzkatalog eines Designer-Möbelhauses. Und dann, neben einem Ethanol-Kamin: eine dunkelrot leuchtende Wand ? mit, na klar: einem Wasserfall. Ein Wasserfall! Dezent? Nein. Kitschig: Ja, irgendwie schon. Zusammengewürfelt und dennoch absolut stimmig.

Wann hat Skartsanis das alles geschaffen? »Ich hatte viel Zeit«, sagt er und lacht: »Ich war unglaublich viel im Internet, habe mir alles angeschaut. Ich glaube, um einen einzelnen Stuhl auszusuchen, brauche ich ganze zwei Monate.« Er wolle eben alles perfekt machen. Sein Dank gilt seinem Team, seiner Familie ? und Bauunternehmer Nikos Blana, der schon das Aura an der Lahn zusammen mit ihm realisiert und ihn nach eigenen Angaben sehr unterstützt hat.

Ich bin jemand, der nicht aufgibt

Dimitri Skartsanis

»Viel Zeit« ? das klingt fast zynisch, wenn man bedenkt, was für turbulente anderthalb Jahre hinter dem Gastronomen und seinem Team liegen. Hart gearbeitet hatte der studierte Elektrotechniker für seinen Traum von einem eigenen Gastronomiebetrieb, nachdem er das ehemalige Rhodos im Vereinsheim der DLRG am Uferweg von seinem Onkel und seiner Tante übernommen und unter dem Namen Aura vom Geheimtipp zu einer absoluten In-Adresse in Gießen entwickelt hatte ? Stück für Stück. Er baute einen Wintergarten an, dann eine neue Terrasse. »Alles, was ich mit dem Aura verdient habe, habe ich wieder reingesteckt.« Hier ein neuer Tisch, da ein neues Detail ? und eine immer gute Qualität des Essens, die sich bald herumsprach. Dazu eine gewachsene Zahl an Stammgästen. Am 7. Januar 2017 der Schock: An einem bitterkalten Winternachmittag steht das Lokal nach einem technischen Defekt lichterloh in Flammen, die Löscharbeiten dauern bis spät in die Nacht. Niemandem geschieht etwas, doch das Aura brennt komplett nieder, von der einstigen Top-Adresse bleibt nur ein Gerippe. Es folgt ein Spießrutenlauf: Wird das Gebäude wieder aufgebaut? Wenn ja, an welcher Stelle? Wie lange wird es dauern? »Ich bin jemand, der nicht aufgibt«, sagt Skartsanis, und das kommt ihm zugute.

Den Plan, ein zweites Lokal in der Innenstadt zu eröffnen, hegte er schon länger, und so wurde die Not zur Tugend: Mithilfe von Heinz-Jörg Ebert fand er das leer stehende Objekt an der Mäusburg, in dem zuletzt eine Bank angesiedelt war. Das Geschmacksverkehr war geboren. Dass der Name hier Programm ist, weiß jeder, der vorher einmal im Aura gespeist hat: Das Geschmackserlebnis steht im Vordergrund. Moderne, neu-griechische Küche bieten Skartsanis und sein Team an. Dabei haben die Gerichte immer einen besonderen Pfiff. Klassiker wie Gyros oder Souvlaki gibt es zwar auch, statt Pommes gibt es dann aber handgeschnittene Country Potatoes aus frischen Kartoffeln. Auch für die Küche gilt: »Wir hatten viel Zeit, uns neu aufzustellen.« Kreationen aus dem Aura wurden weiterentwickelt, die Würzungen verfeinert. »Wir haben viel probiert, viele Testessen gemacht.« Die Karte liest sich gleichermaßen vertraut wie exotisch. Gyros ist und bleibt ein Klassiker, im Geschmacksverkehr gibt es aber auch Varianten mit Avocado und Champignons, oder ganz speziell: in einer Erdnussbutter-Weincreme-Soße.

 

Kein Ruhetag

Auch auf der Karte, die nahezu wöchentlich wechselt, herrscht ein Mix aus bodenständig und experimentell vor, es gibt typisch griechische Grillgerichte, Steak-Variationen vom Lavasteingrill, Salate, Vegetarisches ? und Mittagstisch ? sowie kleinere Portionen von griechischen Klassikern, etwa Souvlaki. Das präsentiert sich saftig und leicht durchwachsen, lecker und zart. Dennoch: »Wir bleiben eine Anlaufstelle für Fisch.« Schwertfisch gibt es, Thunfisch, Tintenfisch, aber auch Lachs oder Skrei. Seine Ware bezieht Skartsanis vom Feinkosthändler, auch hier möchte er keine halben Sachen machen. Die Auswahl an Weinen, die auf einer Holzkonstruktion direkt an der Wand präsentiert wird, ist beträchtlich. Ausschließlich griechische Weine bietet er an, rund 30 weiße, 20 rote. Craftbeer vom Fass gibt es ebenso wie erfrischende Aperitifs und Kaffeespezialitäten. Das Aura ist dennoch nicht Geschichte: Sofern es möglich ist, soll auch das ursprüngliche Lokal aus den Ruinen wiederauferstehen. »Ich kann doch zwei Läden führen«, sagt Skartsanis und hält an seinem einstigen Plan fest. Keinen Ruhetag gönnt Skartsanis sich aktuell ? geöffnet ist durchgängig von 11 bis Mitternacht. »Ich bin immer selber im Laden.« Das sei anstrengend, aber er habe viel in investiert, alles in Eigenleistung realisiert. Das müsse daher jetzt einfach mal sein. Und wir wissen ja: Dimitri Skartsanis macht keine halben Sachen.

Rezept

Schwertfischsteak mit Wein-Sesam-Kruste

Zutaten: Schwertfischsteaks, Sesam, Kapern, Getrocknete Tomaten, Weißwein, Zweig Rosmarin, Cocktailtomaten

Zubereitung: Schwertfisch auf dem Grill (Lavasteingrill oder vergleichbarer Grill) anbraten, in einer Pfanne ohne Öl Sesam vorsichtig anrösten, Kapern und getrocknete Tomaten nach Belieben hinzufügen. Zu Schwertfisch in die Pfanne geben, mit einem ordentlichen Schluck Weißwein ablöschen, Rosmarin und Cocktailtomaten hinzufügen. Pfanne mit allen Komponenten in Ofen unter Oberhitze schieben und Kruste entstehen lassen.

Beilage: Spinat mit Knoblauch und Butter anbraten, vorgegarter Brokkoli dazu in die Pfanne geben, mit Salz verfeinern und dazu ein Süßkartoffelpürree reichen.

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