31. Oktober 2019, 21:46 Uhr

Verstärkte Kontrollen

Gießener Polizei geht gegen Auto-Poser vor

Aufheulende Motoren und quietschende Reifen gehören in Gießen zum Alltag. Die Polizei hat nun eine Arbeitsgruppe gegen Poser und Tuner gegründet. Erste Kontrollen zeigen Erfolg.
31. Oktober 2019, 21:46 Uhr
An diesem Auto gibt es nichts zu beanstanden. Es ist legal getunt worden. (Foto: Schepp)

Der wummernde Sound ist schon von weitem zu hören. Dann biegt ein schwarzer BMW um die Ecke der Westanlage. Mit der roten Kelle wird er herausgewunken. »Der Wagen liegt tiefer als serienmäßig. Er klingt auch anders«, sagt Polizeioberkommissar Christian Schindele. Auf dem Parkplatz hinter der Goetheschule werden Wagen und Fahrzeugpapiere eingehend geprüft. Dann nickt Schindele dem Fahrer freundlich zu. »Vielen Dank, Sie dürfen weiterfahren.« Ja, der BMW war getunt, allerdings legal. Doch das ist bei weitem nicht die Regel.

Am Donnerstag hat das Polizeipräsidium Mittelhessen eine neue Arbeitsgruppe vorgestellt. Sie besteht aus fünf Mitgliedern der Bereitschaftspolizei und hat sich zum Ziel gesetzt, die illegale Poser-, Tuning- und Raser-Szene einzudämmen. »Wir haben in letzter Zeit vermehrt Beschwerden von Bürgern erhalten«, sagte Bürgermeister Peter Neidel, der genauso an dem Treffen teilnahm wie Polizeipräsident Bernd Paul sowie Vertreter von Polizeidirektion, Zulassungsstelle und Ordnungspolizei. Gegründet wurde die Arbeitsgruppe bereits im Sommer, seither haben die Mitglieder über 60 Fahrzeuge kontrolliert. Bei lediglich 25 gab es nichts zu beanstanden, da sie legal getunt waren. Beim Rest verteilte die Polizei Mängelkarten, bei 32 war die Betriebserlaubnis erloschen, drei Autos wurden sichergestellt. Zu den häufigsten Verstößen gehörte das unerlaubte Tieferlegen, falsche Rad/Reifenkombinationen, getunte Auspuffanlagen, unpassende Luftfilter und die Anbringung nicht geprüfter Folien. Auch illegales Chiptuning, wodurch die Leistungsstärke um bis zu 70 PS gesteigert werden kann, sei eine beliebte Modifikation.

Polizeipräsident Paul konnte bei vielen Ausführungen nur den Kopf schütteln. »Einige wollen dicke Schlappen und mehr Krach, um ihr Ego aufzupolieren.« Die damit einhergehende Lärmbelästigung sei nur ein Problem. Paul erinnerte zum Beispiel an die beiden Raser, die am Elefantenklo einen Unfall verursacht hatten, bei dem um ein Haar ein unbeteiligtes Kind schwer verletzt worden wäre. Gerade durch illegal getunte Autos sei die Gefahr groß. Zum Beispiel, da die Bremsen für die zusätzliche Leistung nicht ausgelegt seien. »Das sind tickende Zeitbomben, die da herumfahren«, sagte Paul.

Um die Verstöße aufzudecken, braucht es erheblichen Sachverstand. Zum Beispiel in bürokratischer Hinsicht. Oftmals würden die Tuner ganze Aktenordner mit sich führen, in denen sie die Modifikationen an ihren Autos dokumentieren, betonten die Polizisten. Aber auch technisches Know-how sei nötig. Bei den Mitgliedern der Arbeitsgruppe sei das vorhanden, zwei hätten sogar eine Ausbildung im KFZ-Bereich. Am Nachmittag konnten sie ihr Können gleich unter Beweis stellen. An der Westanlage vor der Einfahrt zur Bahnhofstraße - zwei Hotspots für Poser und Tuner - richteten sie einen Kontrollpunkt ein.

Keine fünf Minuten nach dem legal getunten BMW wird auch schon der nächste Wagen herausgewunken. Ein Audi. Es stellt sich heraus, dass er vor einigen Wochen schon einmal kontrolliert worden ist. Damals erlosch die Betriebserlaubnis, da er Distanzscheiben zur Spurverbreiterung eingebaut hatte, dafür aber kein Teilegutachten vorweisen konnte. Das hat er in der Zwischenzeit nachgeholt, weshalb die Polizisten nichts zu beanstanden hatten. Den Fahrer freute es: »Hat sich doch gelohnt.«

Der Fahrer eines in die Jahre gekommenen Dreier-BMWs kann das nicht behaupten. Er fährt arglos auf den Parkplatz, stellt seinen Wagen zwischen den Polizeiautos ab, zieht einen Parkschein und verschwindet. Als er wenige Minuten später wiederkommt, warten die Beamten schon auf ihn. Schindele sieht sofort, dass die Scheinwerfer modifiziert worden sind. »Das sind sogenannte Angel Eyes«, sagt der Polizeioberkommissar und fügt an, dass bei der Modifikation solch sicherheitsrelevanter Teile eine Vorführung bei den Behörden notwendig sei. Damit kann der Halter aber nicht dienen, weshalb die Betriebserlaubnis erlischt. Der Fahrer nimmt es sportlich: »Ich hab den Wagen so gekauft. Im Januar kommt er eh auf dem Schrott.« Das Bußgeld und den Punkt in Flensburg wird er dadurch aber nicht verhindern.

Die Bußgelder für illegales Tuning liegen oft im zweistelligen Bereich. »Das tut vielen Fahrer nicht weh«, sagt Polizist Stefan Jilg. Es gebe aber andere Wege, Wiederholungstätern weh zu tun. Zum Beispiel durch auferlegte Nachschulungen. Bürgermeister Neidel kündigte zudem an, dass man im Rathaus darüber nachdenke, die diesbezügliche Satzung zu verschärfen.

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