11. November 2017, 14:00 Uhr

City-Center

Gießener City-Center: Das unterschätzte Labyrinth

Vor fast 40 Jahren eröffnete das City-Center in Gießen. Manche Gießener laufen seit Jahrzehnte daran vorbei. Die Ladenbesitzer verraten, wie zufrieden sie im City-Center sind.
11. November 2017, 14:00 Uhr
Karen_werner
Von Karen Werner
Das City-Center ist eine Art »Stadt in der Stadt«. (Foto: Schepp)

Eine »Stadt in der Stadt«, die das »innerstädtische Erlebnis fördern« und ein »Zentrum« der Fußgängerzone werden soll. Die Erwartungen waren hoch vor 40 Jahren, als das City-Center im Bau war. Haben sie sich erfüllt? Ja und nein. »Ins Innere des ›Labyrinths‹ dringen nur wenige vor«, berichtete eine GAZ-Reporterin im November 1978 wenige Wochen nach der Eröffnung. Doch die Inhaber etlicher Fachgeschäfte der ersten Stunde sind bis heute zufrieden mit diesem Standort am Rande der Fußgängerzone.

Reichensand? City-Center? Wo ist das denn? Das fragen viele Kunden, die zu Fahrrad Bornemann wollen, erzählt Reza Bargh Djelveh. Nach Beschreibungen wie »gegenüber dem Kinocenter« kommen sie zu ihm, schauen sich verblüfft um und sagen: »Hier war ich ja schon 20 Jahre nicht mehr.« »Und das sind Gießener«, betont Bargh Djelveh.


Besitzer wurde vor Verlegung des Ladens gewarnt
 

Als er vor zweieinhalb Jahren beschloss, den Großteil des Ladens von der Sonnenstraße ins City-Center zu verlegen, wurde er gewarnt. »Aber ich bin im Nachhinein sehr froh über diese Entscheidung und würde sie wieder so treffen.« Die Laufkundschaft kaufe zum Beispiel Zubehör. Und es gebe auch lohnendere Kaufentschlüsse beim Stadtbummel: »An einem verkaufsoffenen Sonntag hat eine ganze Familie aus der Herborner Gegend bei uns kurzerhand neue Räder gekauft.«


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»Das City-Center«, sagt Michael Menges, »wird ein bisschen schlechtgeredet. Aber es funktioniert.« Sein Blick schweift zufrieden über die Fassaden, wo immer mehr neue Fenster von stetiger energetischer Sanierung zeugen. Mit Stirnrunzeln nimmt er einen kleinen Riss im Beton wahr: »Da muss man was machen.« Dann lächelt er wieder einem Laden- oder Wohnungsbesitzer zu. Der Geschäftsführer der Hausverwaltung C. R. Menges grüßt jeden mit Namen. Seit 1988 betreut die Firma den Komplex: »Eines meiner Lieblingsobjekte.«
 

Besitzer investieren viel in Pflege


Beim Rundgang um zehn Uhr vormittags herrscht in den Geschäften noch nicht viel Betrieb. Das wird sich noch ändern, weiß Menges. Viel Stammkundschaft sei in den Läden unterwegs. Alle 84 Wohnungen belegt, kaum Leerstände bei den 47 Gewerbeeinheiten, darunter 25 Einzelhandelsgeschäfte: Das sei auch der Bereitschaft der Eigentümer zu verdanken, in die Anlage zu investieren. 300 000 Euro stecken sie jedes Jahr in die Instandhaltung. Auch die Stadtsanierung in diesem Innenstadtgebiet habe dem City-Center gut getan, etwa mit der Neugestaltung des beliebten Spielplatzes an der Katharinengasse.

Den Wohnungsbesitzern sei daran gelegen, dass in den Läden Leben herrscht, erläutert Menges. Sie kämen den Geschäftsleuten entgegen, indem sie zum Beispiel die Außengastronomie im Eiscafé oder die Räder-Reihe vor dem Bornemann-Schaufenster erlauben. »Aber es muss im Rahmen bleiben.« Betrieb bis drei Uhr nachts, wie ihn die neue Bar »Lieblingsmensch« angekündigt hat, sei zu lange und zu laut.
 

Für Fachgeschäfte gute Lage


Vor allem entlang der Katharinengasse sind etliche Fachgeschäfte seit Jahrzehnten ansässig. »Für uns ist das hier eine gute Lage«, sagt Anja Haubold-Erb von der Parfümerie Seibel. Sie blickt durch die Glastür: Keine 100 Meter entfernt zieht die Fußgängerkarawane durch den Seltersweg. Zugleich sind die Geschäftsflächen hier deutlich erschwinglicher, weiß Karen Mittermaier von Peters Immobilien. Für 10 Euro pro Quadratmeter ist mancher Laden zu haben.

Viele inhabergeführte Fachgeschäfte, kaum Ketten-Läden: »Das gibt es sonst in Gießen kaum«, findet Andreas Walldorf, Vorsitzender des Vereins Business Improvement Center Katharinenviertel und Betreiber einer Kneipe in dem Komplex.

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Der Bereich zwischen Kaplansgasse und der Karstadt-Rückseite habe sich in den letzten Jahren zur »Schlemmermeile« mit etlichen Cafés entwickelt. »Das City-Center wird unterschätzt«, meint Walldorf und räumt ein, es mangle auch an gemeinsamen Aktivitäten der Geschäftsinhaber. »Ich bin seit Jahren dran an einem Fest. Ich kann mir einen Straßenmusik-Abend vorstellen.« Vielleicht wird nächstes Jahr etwas daraus: Im Herbst wird das City-Center 40 Jahre alt.

Zusatzinfo

Als Gegenpol geplant

Verwinkelte Kopfsteinpflaster-Gässchen, eine verklinkerte Fassade und unterschiedliche Bauhöhen: Eine Art gemütliche Kleinstadt-Atmosphäre ausstrahlen sollte das City-Center als Gegenpol zur »Massenabfertigung« in Kaufhäusern. Ein heruntergekommenes Altstadtviertel wurde 1975 dafür und für den Horten-Bau abgerissen. Die Neue Heimat Städtebau Südwest investierte 28 Millionen D-Mark in das City-Center, das im Oktober 1978 eingeweiht wurde. Es umfasst 12 000 Quadratmetern Nutzfläche und hat eine Tiefgarage mit 90 Plätzen.



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