19. März 2019, 21:27 Uhr

Gießener Briten machen die Fliege

Brexit? Oder Remain? Deal or no Deal? Diese Fragen beschäftigen auch in Gießen lebende Briten. Lawrence de Donges-Amiss-Amiss hat eine klare Meinung. Eine Frage kann aber auch er nicht beantworten: Warum sind so viele Briten aus Gießen verschwunden?
19. März 2019, 21:27 Uhr
In den vergangenen drei Jahren sind die Hälfte aller in Gießen lebender Briten verschwunden. (Foto: dpa)

Lawrence de Donges-Amiss-Amiss sitzt im Schlosskeller. 12 Uhr, Lunchtime. Der Gießener trägt einen feinen Tweedanzug samt Fliege und Einstecktuch. Am Revers blitzt ein Anstecker, der die britische und europäische Fahne zeigt. So friedlich geht es im Heimatland seiner Mutter derzeit nicht zu. Wenn de Donges-Amiss-Amiss an den drohenden Brexit denkt, könnte ihm der Appetit vergehen. »Eine Katastrophe.«

De Donges Amiss-Amiss ist in Gießen als Sohn eines Deutschen und einer Britin geboren. Er ging sowohl hier als auch in England zur Schule, sein Studium verbrachte er in beiden Ländern. Heute ist er Vorsitzender der deutsch-englischen Gesellschaft. Er hat Familie und Freunde auf der Insel, ein Dutzend Mal reist er pro Jahr über den Kanal. Kurzum: In Gießen gibt es kaum einen besseren Experten, wenn es um britische Befindlichkeiten geht. Von britischer Zurückhaltung ist bei seiner Einschätzung jedoch keine Spur.

»Das ist ein Kindergarten«, sagt der Gießener mit Blick auf das Geschehen im britischen Unterhaus. »May ist nicht sehr intelligent. Sie war schon als Innenministerin eine Katastrophe. Vielleicht ist sie die schlechteste Premierministerin aller Zeiten.« Schon jetzt hätten die Folgen des Referendums gravierende Auswirkung auf das Leben auf der Insel, sagt de Donges-Amiss-Amiss und spricht von Warenknappheit und Preissteigerungen. »Wenn es zum harten Brexit kommt, rechne ich mit massiven Ausschreitungen in den Städten.«

Mit seiner Meinung ist der Halbengländer in Gießen nicht alleine. Allerdings: Allzu viele Engländer, Schotten, Waliser und Nordiren gibt es in der Stadt an der Lahn gar nicht mehr. Laut Mitteilung aus dem Rathaus waren im vergangenen Jahr 63 Briten in Gießen gemeldet. 2016 waren es noch 136. Eine übermäßige Zahl an Einbürgerungen ist nicht der Grund für den Rückgang. Eine Nachfrage beim zuständigen Regierungspräsidium hat ergeben, dass im besagten Zeitraum lediglich 19 Briten eingebürgert worden sind. De Donges-Amiss-Amiss ist über die Zahlen überrascht. »Das ist eine Zäsur«, sagt der Gießener. Er vermutet, der Schwund habe etwas mit den Hochschulen zu tun, schließlich sei ein beträchtlicher Teil der in Gießen lebenden Briten Studenten. »Außerdem wohnen hier viele britische Banker, die in Frankfurt arbeiten. Aber die wechseln regelmäßig ihren Einsatzort. Vielleicht sind sie jetzt in Hongkong, Shanghai oder Paris.« Seine dritte Erklärung beruht auf Erfahrungen aus dem Bekanntenkreis: »Ich kenne bestimmt zehn Briten, die in letzter Zeit aus der Stadt in den Kreis gezogen sind.« Warum aber ausgerechnet in den vergangenen drei Jahren über die Hälfte aller Briten aus Gießen verschwunden sind, kann auch de Donges-Amiss-Amiss nicht erklären.

Aber der Vorsitzende der deutsch-englischen Gesellschaft ist überzeugt, dass schon bald neue Briten kommen. Und sich sogar einbürgern lassen. Von einer Britin weiß er das: seiner Mutter. »Sie hat 30 Jahre hier gelebt, hat eine klare Affinität zu Deutschland. Außerdem reist sie sehr gerne und hat viele Freunde auf der ganzen Welt«, sagt de Donges-Amiss-Amiss. Er fügt an, dass der Brexit das Reisen mit britischen Pass massiv erschweren könnte. Trotzdem falle seiner Mutter der Schritt schwer. »Sie hat früher immer gesagt: Ich bin Britin, und das bleibe ich. Unter den jetzigen Bedingungen steht sie aber nicht mehr dahinter.«

Derzeit befasse sich das RP mit dem Antrag seiner Mutter. Bis dahin sei es ein langer Weg gewesen. Denn mit der Arbeit der Ausländerbehörde, die die Anträge für das RP entgegennimmt, ist der Gießener unzufrieden. Er moniert, dass Formulare verlangt würden, die das RP nicht benötige. Außerdem sei die Terminvergabe »idiotisch« geregelt. Was de Donges-Amiss-Amiss meint: Termine können in der Ausländerbehörde nur online vereinbart werden, sie werden aber nur nachts um eine Minute nach 24 Uhr freigeschaltet. Das soll nun zwar geändert werden, de Donges-Amiss-Amiss ärgert sich aber trotzdem über die vielen Stunden, die er nachts vor dem Rechner gesessen hat. Von der Kompetenz und Freundlichkeit der ein oder anderen Mitarbeiterin ist er – gelinde gesagt – auch nicht überzeugt. Sein Fazit: »Die Ausländerbehörde ist ein miserables Aushängeschild für die Unistadt Gießen.«

Um 13 Uhr endet die Lunchtime. Es hat eine Stunde gedauert, bis de Donges-Amiss-Amiss seinen Teller geleert hat. Es gab viel zu kritisieren, der Gießener ist not amused. Wobei die Missstände in der Ausländerbehörde im Vergleich zum Brexit Peanuts sind.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Abgeordnetenkammern
  • Ausländerbehörden
  • Bekanntenkreis
  • Brexit
  • Einbürgerungen
  • Gesellschaften
  • Gießen
  • Krawalle
  • Meinung
  • Preiserhöhungen
  • Referendum
  • Christoph Hoffmann
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos