07. Juli 2013, 21:48 Uhr

Gießener Auswanderungsgesellschaft und die Folgen

Einst deutsche Republik in Arkansas angestrebt: Vortrag von Stadtarchivleiter Ludwig Brake erinnert an die Gießener Auswanderungsgesellschaft.
07. Juli 2013, 21:48 Uhr
Massivbauweise made in Germany: Die Farm von Friedrich Münch am Lake Creek. (Fotos: Roloff, srs)

Mit den Worten »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!« riefen Georg Büchner und Friedrich Ludwig Weidig 1834 im »Hessischen Landboten« zu Revolution und Umsturz auf. Eine Gruppe von Gießenern und Nieder-Gemündenern wählte unterdessen im selben Jahr einen gänzlich anderen Weg, ihrem Protest gegen die allgegenwärtigen gesellschaftspolitischen Verhältnisse Ausdruck zu verleihen: 1834 stach die Gießener Auswanderungsgesellschaft in See. Ihr Ziel war das ferne Arkansas, um dort eine freie deutsche Republik zu gründen. Auf ihre Spuren begab sich am Sonntag ein Vortrag des Leiters des Gießener Stadtarchivs, Dr. Ludwig Brake.

Ein »würdiges« Leben wolle er führen, fern von Unfreiheit, notierte der Pfarrerssohn Friedrich Münch aus Nieder-Gemünden am 2. März 1834 in sein Tagebuch. Und so fiel der Entschluss, die hessische Heimat zu verlassen. Doch bereits direkt nach der Ankunft in den
Vereinigten Staaten von Amerika mussten sich die Auswanderer das Scheitern ihres hoffnungsfrohen Ansinnens eingestehen, wie Brake in seinem Vortrag im Zentrum für interkulturelle Bildung und Begegnung erläuterte.

In einem Treffen im »Western House« in St. Charles habe die Gießener Auswanderungsgesellschaft ihre Utopie, eine freie Kolonie in Übersee zu gründen, für aussichtslos erklärt. Strapazen auf der Schiffsreise über den Atlantik wie etwa das Erkranken an Pocken und Cholera hatten jeglichen Mut der Aussiedler zu Grabe getragen. Mit »Akten und Federn« hätten sie hantieren können – jedoch nicht mit den Werkzeugen des praktischen Lebens, zitierte Brake das spätere bittere Resümee eines Mitglieds
der Gießener Auswanderungsgesellschaft.

So sei unter ihnen auch der Gießener Hofgerichtsanwalt Paul Follenius »ökonomisch völlig gescheitert«, brachte der Referent das Ende hehrer Pläne auf den Punkt. Einer der Auswanderer indes schaffte es bis zum Senator in Missouri: Dem für Bürgerrechte und Freiheit streitenden Nieder-Gemündener Pfarrerssohn Friedrich Münch war es laut Brake maßgeblich zuzurechnen, dass sich Missouri den Nordstaaten anschloss und damit gegen die Sklaverei eintrat. Münch sei es auch gewesen, der die Utopie einer freien deutschen Kolonie in der Fremde nie vollständig aufgab. Der Pfarrerssohn aus Nieder-Gemünden erwarb eine Farm am Lake Creek und wurde Winzer. Sein Weinunternehmen, die »Blumenhof Winery«, besteht noch heute.

Durch die Nachbarschaft mit anderen am Missouri angesiedelten deutschen Farmern habe er zwar nicht die angestrebte Kolonie, aber doch zumindest eine Gemeinschaft deutscher Auswanderer bilden können – fern der Heimat, im freien Amerika. Stefan Schaal

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