04. Oktober 2011, 15:35 Uhr

Gießen war ein »Synonym für Freiheit«

Gießen (son). »Wir wollen nach Gießen« und »Freie Fahrt nach Gießen« – das war vor 22 Jahren auf Transparenten bei den bekannten Montagsdemonstrationen in der DDR zu lesen.
04. Oktober 2011, 15:35 Uhr
Die Fotoausstellung des Fotografen Karl-Heinz Brunk wurde zum Ende des Festaktes eröffnet.

Gießen war ein Ort an dem deutsche Geschichte geschrieben wurde, denn hier fanden vier Jahrzehnte lang Hunderttausende Flüchtlinge zunächst aus der sowjetisch besetzten Zone und später aus der DDR ihre erste Zuflucht. In Gießen war das Notaufnahmelager untergebracht, das später in Zentrale Aufnahmestelle des Landes Hessen umbenannt wurde und für die bundesweite Aufnahme und Koordination von DDR-Flüchtlingen zuständig war.

Auf diesen besonderen Aspekt gesamtdeutscher und Gießener Geschichte war der Fokus bei der gestrigen Feierstunde am Tag der Deutschen Einheit gerichtet. Im Konzertsaal des Rathauses sprach Heinz Dörr, der ehemalige Leiter der Zentralen Aufnahmestelle, in seinem Festvortrag über die ereignisreiche Geschichte der Einrichtung. Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz hatte zuvor in ihrer Begrüßung auf die Bedeutung des 3. Oktobers für die Deutschen hingewiesen. Es sei nicht nur ein Tag des Feierns, sondern auch des Gedenkens an die historische Verpflichtung, sich für ein gerechtes, soziales und friedliches Deutschland in der Weltgemeinschaft einzusetzen.

Gießen wurde aufgrund seiner verkehrsgünstigen Lage und Nähe zur Demarkationslinie als Aufnahmestandort für Flüchtlinge in der amerikanischen Besatzungszone bestimmt. »Politische Gefährdung und Familienzusammenführungen waren damals die Hauptaufnahmekriterien«, sagte Dörr. In den ersten Nachkriegsjahren kamen rund 200 000 Flüchtlinge aus der von Sowjets besetzten Zone nach Gießen. Nach der Verabschiedung des Notaufnahmegesetzes im Jahr 1950 wurde das »Zonenlager« in Notaufnahmelager Gießen umbenannt. Anfang der Fünfziger Jahre bis 1961 kamen jedes Jahr zwischen 13 500 und 35 000 Flüchtlinge in die Einrichtung. Zwangsrekrutierungen in die Volkspolizei, Verstaatlichung landwirtschaftlicher Betriebe, Zwangsumsiedlungen und die allgemeine Verschlechterung der Lebenssituation waren in jener Zeit die herausragenden Fluchtgründe.

Nach dem Bau der Mauer und der Abschottung der DDR gingen die Flüchtlingszahlen zurück, die einzelnen Fluchtgeschichten wurden aber umso gefährlicher. »Im Heißluftballon über die Grenze fliegend, im Schlauchboot die Ostsee überquerend oder durch die Elbe schwimmend, kämpften sich so manche in den Westen«, erzählte Dörr. Auch Wissenschaftler, ganze Besatzungen ostdeutscher Handelsschiffe und Grenzsoldaten wurden in der Aufnahmestelle willkommen geheißen. Nie zur Routine wurde für Dörr die Begleitung der Transporte der sogenannten Freigekauften. Das waren aus politischen Gründen inhaftierte Menschen, Friedensaktivisten beispielsweise, die in den Westen abgeschoben wurden. Rund 27 000 solcher ehemaliger Häftlinge erreichten bis November 1989 die Universitätsstadt.

In den Achtziger Jahren rückte Gießen besonders in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. In den Jahren 1984, 1988 und 1989/90 kamen große Flüchtlingswellen auf die Stadt zu. Im Jahr 1984 waren es allein 25 000, vier Jahre später sogar 28 000 Menschen. »Die Aufnahmestelle war natürlich überbelegt, wir mussten auf Turnhallen und andere Örtlichkeiten ausweichen«, berichtete Dörr. Das erleichterte Ausreiseverfahren ab August 1989 führte erneut zur massenhaften Ausreise aus der DDR. »Es gab eine regelrechte Trabi-Invasion in Gießen«, schmunzelte Dörr. Zeitweise kamen 2300 Menschen am Tag in Gießen an, die Aufnahmestelle war dabei gerade mal für 200 Menschen pro Tag ausgerichtet. »Wir mussten sofort Maßnahmen ergreifen, um diese Aufgabe menschlich, logistisch und organisatorisch zu bewältigen«. So wurde schließlich die Steubenkaserne belegt, die Städte Wetzlar, Hünfeld und Alsfeld halfen aus.

In Gießen engagierten sich besonders die evangelischen Kirchengemeinden Petrus und Kleinlinden, sowie zahlreiche Verbände, Vereine und Privatpersonen. Mit 120 000 Flüchtlingen im Jahr 1989 hatte die Zentrale Aufnahmestelle in Gießen die höchste Flüchtlingszahl seit Gründung zu verzeichnen. »Gießen«, schloss Dörr seinen Vortrag, »war damals für die Menschen in der DDR ein Synonym für Freiheit«. Und für rund 900 000 Menschen wurde es auch das Tor zur Freiheit.

Im Anschluss an die Rede stellte der Gießener Fotograf und Journalist Karl-Heinz Brunk seine bis zum 14. Oktober im Rathaus zu sehende Ausstellung von rund 20 großformatigen Bilddokumenten aus jener Zeit vor. Brunk war selbst 1960 aus der DDR ausgereist und hatte im Auftrag des Magazins Stern in den siebziger Jahren unter anderem die Busse mit den freigekauften DDR-Häftlingen fotografiert.

Die musikalische Umrahmung der Feierstunde oblag dem Multikulturellen Orchester unter Leitung von Georgi Kalaidjiev.



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