25. März 2017, 18:56 Uhr

Ehrenbürger

Gießen trauert um Avraham Bar Menachem

Er musste vor den Nazis flüchten, doch seine Heimatstadt hat er nie vergessen. Der große Versöhner ist im Alter von 104 Jahren gestorben. In Gießen wehen die Fahnen auf halbmast.
25. März 2017, 18:56 Uhr
Avraham Bar Menachem (1912-2017)
Er musste vor den Nazis flüchten, aber seine deutsche Heimat hat er nie vergessen und nach dem Krieg die Hand zur Versöhnung gereicht. Am Freitag ist Gießens bis dahin einziger noch lebender Ehrenbürger und Begründer der Städtepartnerschaft mit Netanya, Dr. Avraham Bar Menachem, im Alter von 104 Jahren gestorben. Gemäß jüdischer Tradition fand seine Beerdigung bereits am Sonntag statt. An den Trauerfeierlichkeiten in Netanya, wo Bar Menachem in den 1970er Jahren Oberbürgermeister war, nahmen für die Stadt Gießen Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz und Stadtverordnetenvorsteher Egon Fritz teil. In Gießen war am Wochenende zu Ehren Bar Menachems vor dem Rathaus halbmast geflaggt.

Bar Menachem wurde 1912 als Alfred Gutsmuth in Wieseck geboren. Dort verbrachte er Kindheit und Jugend. Nach seiner Schulzeit in Wieseck und an der Gießener Liebigschule studierte er Jura an der Gießener Universität. Als Jude wurde er von den mittlerweile an die Macht gelangten Nationalsozialisten nicht mehr zum Referandarsexamen zugelassen. Sein Doktorvater, Prof. Wolgang Mittermaier, ermöglichte ihm jedoch noch die Promotion zum Dr. jur.

Anfang 1934 flüchtete Bar Menachem in richtiger Voraussicht des drohenden Unheils nach Holland. Nach einer dortigen Tischlerlehre emigrierte er 1938 nach Palästina, wo er einen Kibbuz mit aufbaute. Schnell übernahm er, der bereits in Gießen 1930 der SPD beigetreten war, auch dort politische Verantwortung, wurde stellvertretender Bürgermeister und von 1967 bis 1970 und von 1974 bis zum Jahr 1978 Oberbürgermeister der 180 000-Einwohner-Stadt am Mittelmeer. In dieser Funktion wurde er zum Brückenbauer und Wegbereiter der Annäherung und Aussöhnung zwischen dem jüdischen und dem deutschen Volk nach den Verbrechen der Nationalsozialisten. Er wirkte an der Bildung einer der ersten deutsch-israelischen Städtepartnerschaften insgesamt, der zwischen Gießen und Netanya im Jahre 1978, entscheidend mit.
    
Kondolenzbuch im Rathaus
    
Denn richtig weg war er nie. Wer ihn und seine Frau Johanna in ihrem Haus in Netanya besuchte, betrat die Wohnung eines deutschen Bildungsbürgers. Hier empfing Bar Menachem Besucher aus Gießen, um zu erfahren, was sich in der Stadtpolitik und der jüdischen Gemeinde tut. Dabei zeigte sich Bar Menachem, der sich von der Stadt Berichte aus den Gießener Lokalzeitungen nach Netanya schicken ließ, nicht selten besser informiert als seine Gäste. Prominentester Besucher war 2011 Ministerpräsident Volker Bouffier, der als junger Kommunalpolitiker an der Begründung der Städtepartnerschaft beteiligt war. »Er steht noch wie eine Eins«, sagte Bouffier im Anschluss an den Besuch des damals 99-Jährigen.

OB Grabe-Bolz würdigte Dr. Bar Menachem in einem Kondolenzschreiben an seine Familie als bedeutende Persönlichkeit, der ein herausragendes Versöhnungs- und Lebenswerk in Deutschland und Israel hinterlassen habe. Grabe-Bolz: »Gießen ist unendlich traurig über seinen Tod. Gießen ist gleichzeitig unendlich dankbar für das, was er hinterlassen hat, was er für uns getan hat. Er hat uns nach all dem Leid, das unser Land ihm, seiner Familie – allen europäischen Juden – angetan haben, die Hand zur Versöhnung gereicht und war damit Vorbild für alle Annäherung und Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden, für den bis heute anhaltenden wichtigen Dialog zwischen Bürgern aus Netanya und Gießen.«

Ab heutigen Montag liegt im Rathaus am Berliner Platz ein Kondolenzbuch aus, in dem sich Bürgerinnen und Bürger der Stadt eintragen und damit Abschied nehmen können. In Gießen wird es zu späterer Zeit eine Trauerfeier geben, zu der die jüdische Gemeinde Gießen zusammen mit der Stadt einladen wird. Bar-Menachem wurde aufgrund seines Lebenswerkes 1987 das Ehrenbürgerrecht der Universitätsstadt Gießen verliehen. Zuvor war er 1982 mit der Hedwig-Burgheim-Medaille und 1983 mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden.

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