09. Juli 2019, 11:00 Uhr

Bäder-Öffnungszeiten

Gießen-Stadtwerke wehren sich gegen Kritik

In Lützellinden und Kleinlinden gibt es eine Diskussion um veränderte Öffnungszeiten in den Stadtteil-Freibädern. Sogar eine Sondersitzung des Ortsbeirats ist dazu anberaumt.
09. Juli 2019, 11:00 Uhr
Auch das Freibad in Lützellinden ist von den den veränderten Öffnungszeiten bei Temperaturen über 25 Grad betroffen. (Foto: Schepp)

FDP-Politiker aus Kleinlinden und Lützellinden hatten schwere Geschütze aufgefahren: Die verkürzten Öffnungszeiten in den beiden Stadtteil-Freibädern seien nicht hinnehmbar und müssten sofort zurückgenommen werden, sagten der Fraktionsvorsitzende der FDP in der Stadtverordnetenversammlung und Ortsvorsteher von Kleinlinden, Klaus Dieter Greilich, sowie Arne Sommerlad. FDP-Politiker Martin Preiß sprach von einer kalten Teilenteignung. Die Stadtwerke wehren sich gegen die Vorwürfe. »Wir können den Ärger verstehen«, sagt Uwe Volbrecht, Leiter der Bäderbetriebe. »Aber wir haben Vorschriften, und an die werden wir uns halten.«

In der Badesaison sind die Freibäder in Lützellinden und Kleinlinden von 13 bis 19 Uhr geöffnet. Ab 25 Grad auf dem Thermometer verlängern sich die Öffnungszeiten auf 10 bis 20 Uhr. Wegen zwei personellen Ausfällen, teilten die Stadtwerke Ende Juni mit, könnten die beiden Freibäder erst zwei Stunden später geöffnet werden. Der Entschluss hatte für Aufregung gesorgt. »Die angegebene Begründung erscheint wenig glaubwürdig, wenn gleichzeitig als Trost auf verlängerte Abendöffnungszeiten im Freibad Ringallee verwiesen wird«, schrieb zum Beispiel Greilich in einer Pressemitteilung. Sein Kleinlindener Parteifreund vermutet sogar System dahinter, glaubt, die Stadtwerke bereiteten strategisch die Schließung der für die Stadtteile wichtigen Freibäder vor.

Volbrecht schüttelt den Kopf, wenn er diese Kritik hört. »Wir wollen die Freibäder in den Stadtteilen nicht austrocknen«, betont er. »Sonst würden wir für sie nicht energieeffiziente Pumpen anschaffen und würden Wünschen aus dem Ortsbeirat wie das Sonnensegel in Kleinlinden nicht umsetzen.« Vielmehr begründet er die veränderten Öffnungszeiten erneut mit den Krankheitsfällen - »es sind mittlerweile drei«, sagt Volbrecht.

Fachkraft statt Aufsicht

Da wäre zum einen der Arbeitsschutz. Bei Öffnungszeiten über 25 Grad reiche es mit der Vor- und Nachbereitung nicht, nur eine Fachkraft in einem Freibad abzustellen. »Das ist ganz klar eine Sache des Arbeitsschutzes«, betont er. Außerdem könne er als Verantwortlicher nicht nur eine Wasseraufsicht schicken, wenn eine Fachkraft nötig wäre. »Das geht ein oder zwei Jahre gut«, sagt Volbrecht, »aber dann kommt es zu einem Chlorunfall.« Eine Aufsicht werde vielleicht das Chlor wahrnehmen, aber nicht auf die Idee kommen, eine Probe zu nehmen oder die Technik zu kontrollieren.

Ja, sagt Volbrecht, er könne den Ärger der Badegäste über die spontane Änderung verstehen. »Aber Menschen fallen oft kurzfristig aus, wenn sie krank sind.« Deswegen arbeiteten die Stadtwerke aktuell daran, die Öffnungszeiten wieder auszudehnen. Dauerkartenbesitzer können entschädigt werden - auch wenn das die Bäderordnung nicht vorsieht. In der ist übrigens auch vermerkt, dass kurzfristig veränderte Öffnungszeiten möglich sind. »Wir wollen aber, dass die Menschen wiederkommen«, sagt Volbrecht. »Deswegen bemühen wir uns um eine Lösung.«

In einer Sondersitzung des Ortsbeirats Kleinlinden wird es am Mittwoch um die Öffnungszeiten in den Stadtteil-Freibädern gehen. Los geht’s um 20 Uhr im Gemeindesaal der evangelischen Kirche Kleinlinden

PRO Gibt es Eisdielen, die jetzt Öffnungszeiten reduzieren? Nein. Gibt es Biergärten, die an schönen Tagen später öffnen? Nein. Gibt es Freibäder, die in den Ferien Öffnungszeiten verkürzen? Leider ja. In Kleinlinden und Lützellinden. Das ist peinlich! Die Stadtwerke streichen Millionen mit dem Verkauf von Fernwärme, Strom und Gas ein. Deshalb sind sie auch in der Pflicht, Bäder ordentlich zu betreiben. An der Spitze des Aufsichtsrats steht eine Stadträtin, in deren Partei das Wort »Sozial« an erster Stelle steht. Doch die Kürzung der Öffnungszeiten ist nicht sozial. Sie trifft vor allem ärmere Familien, die keinen Garten und kein Geld für Urlaube haben und an heißen Tagen die frühen Öffnungszeiten nutzen, weil ihre Kleinkinder danach zu Hause Mittagsschlaf halten. Schon vor zwei Jahren haben die SWG versucht, die frühen Öffnungszeiten an den TSV Kleinlinden zu übertragen. Das hat nicht geklappt; jetzt ziehen sie den »Kein-Personal«-Joker, aber der sticht bei mir nicht! Auch Schulen oder Kitas können nicht einfach wegen Krankheit Zeiten streichen.

KONTRA Die Vorwürfe der FDP, die Stadtwerke würden die Badegäste in Lützellinden und Kleinlinden kalt teilenteignen und im Stillen an einer Schließung der Stadtteil-Freibäder arbeiten, halte ich für Unfug. Bei den veränderten Öffnungszeiten handelt es sich eindeutig um ein Betriebsproblem: Es gibt mehrere kurzfristige Krankheitsfälle unter den Fachkräften, die übrigens in den Bädern landauf, landab händeringend gesucht werden.

Die kurzfristig veränderten Öffnungszeiten sind ärgerlich, aber unumgänglich. Ärgerlich ist aber auch, dass das Problem nun politisch missbraucht wird, um Stimmung zu machen und dabei auch noch gut auszusehen. Das ist populistisch und hat mit Lokalpolitik mit Augenmaß nichts zu tun. Und ganz nebenbei: Die Kritik an den Öffnungszeiten halte ich für überzogen. Die Badegäste im Süden Gießens haben doch mit den Freibädern in Lützellinden und Kleinlinden sowie dem in Linden die Qual der Wahl. Es gibt Gegenden im Landkreis, da sieht es freibadmäßig zappenduster aus.

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